Ihre Veranstaltung auf Oberland.de
Sie sind Veranstalter aus dem Oberland. Dann melden Sie sich hier kostenlos an.
von Andrea Weber
„Drei Sekunden Gegenwart – das ist der winzige Spalt zwischen Zukunft und Vergangenheit“, erklärt der Kabarettist Claus von Wagner. Nur ein Moment, in dem doch so viel passieren kann.
Was sind schon „drei Sekunden Gegenwart“. Für manche Politiker reiche die Zeit gerade mal für ein „Hah? Wos? Naa!“, findet Claus von Wagner. Er dagegen packt in so einen Augenblick alles hinein, was sich gerade im Zeitgeschehen tummelt. Und dabei kommt Brandaktuelles, wie die Schweinegrippe etwa oder Neuestes aus der Finanzkrise gerade recht. Solche Themen schiebt er geschickt vorweg, da hat der Kabarettist noch nicht einmal die Bühne erreicht. Er tut es übrigens gerne, sich von hinten durchs Publikum heranzuschleichen und dabei im lockern Plauderton die ersten verbalen Kinnhaken auszuteilen. Man muss schon neidlos zugeben, dass der gebürtige Münchner Kabarettist wortstark und so schön rotzfrech sein kann. Der Mann schafft es in geschlagenen zwei Stunden am Stück zu reden, so als hätte man ihn gerade in der Kneipe kennen gelernt.
Die Geschichte, die Claus von Wagner in seinem Programm „Im Feld“ erzählte, geht im neuen Programm „Drei Sekunden Gegenwart“ nun weiter. Damals war er mit der Situation als werdender Vater völlig überfordert und suchte nach Gründen, um seiner Freundin Penthesilea klar zu machen, dass in diese Welt kein Baby passt. Nun ist das Ungeborene schon zwei Jahre alt – ein Mädchen und heißt Karla Penelope. Er hat seine Meinung geändert, will ein guter Vater sein. Penthesilea setzte ihn vor die Türe und holte sich den aalglatten Strahlemann Heiko Bach ins Haus, der nun die Vaterrolle übernommen hat. „Wem gehört eigentlich das Kind, ha?“ schimpft Wagner alleine vor sich hin. „Wem gehört die Cola? Wenn ich eine Münze in den Getränkeautomaten werfe. Mir oder dem Automaten etwa?“ Er sitzt alleine auf seinen Umzugskartons in der neuen Wohnung und hat genügend Zeit zu lamentieren, denn es ist der Abend vor seinem Gerichtstermin. Man will ihm die Vaterpflichten endgültig nehmen, denn in nur drei Sekunden, wo er scheint’s mal nicht in der Gegenwart war, eher in der Abwesenheit, passierte ihm ein fataler SMS-Tippfehler und machte aus einer höflichen Handybotschaft an den neuen Lover, eine Drohung.
Immer mehr schimpft er sich in Rasche, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, von den Beziehungen zu den modernen Frauen, die „mehr Geld durch Bonusmeilen ihrer Geschäftsreisen auf dem Konto haben, als der Staatshaushalt von Unganda wert ist“. Jammert der guten alten Zeit nach, wo man den „Dax nur als Waldbewohner“ kannte und tobt über die Banken, die am Schalter ihre Kugelschreiber festketten, anstelle das Kapital der Kleinanleger zu hüten. Für ihn sind sie die eigentlichen Verbrecher – nicht er, der kleine Mann, der seiner Tochter doch bloß die Weihnachtsgeschichte von „Josef Ackermann und Maria Merkel“ vorlesen will. Sie alle stellt er als die Hauptangeklagten vor sein Gedankengericht, weil sie verantwortlich sind, dass sein Leben aus den Fugen gerät – der Staubsaugervertreter, der Tschibo-Shop, die Politiker, die Finanzwelt, der Kapitalismus und sogar der Zins hat Dreck am Stecken.
Im aktuellen Programm „Drei Sekunden Gegenwart“ versteht es Claus von Wagner satirische Übergänge zwischen Alltagspolemik und Politik-Querelen aufzustellen. Mit messerscharfem Zynismus gespickt holt er Unmöglichstes daher und bringt es auf einen gemeinsamen Kontext. Er verschachtelt die Themen sprachlich geschickt und doch wieder natürlich frech, und zieht urkomische Vergleich. Eine Pointe jagt die andere, als würden sie im Wettbewerb stehen. Es sind dutzende kleine Satiren aus dem echten Leben, die sein Publikum selbst so gut kennt. Drum kommt Claus von Wagner auch bei ihnen sehr gut an.
Foto von Marcus Gruber
Tweet