Im Porträt Kletterprofi Toni Lamprecht aus Kochel

„Der Stier von Kochel“

Von Benjamin Engel

Kochel am See/München – Die mythische Figur des Schmied von Kochel hat den Ort am gleichnamigen See im ganzen Oberland bekannt gemacht. Er führte mutmaßlich den Aufstand gegen die österreichische Besatzung Anfang des 18. Jahrhunderts an. In der Sendlinger Mordweihnacht soll er 1705 ums Leben gekommen sein. Für den Klettersport in der Region ist Toni Lamprecht ebenso legendär. Als „Stier von Kochel“ hat er sich einen Namen in der Szene gemacht, zahlreiche Routen an den Felswänden in Ortsnähe erschlossen.

Am Berg trennt Toni Lamprecht Mitte der 1980er-Jahre – er ist im Teenageralter – zwei Gruppen. Die einen in Kniebundhosen und karierten Hemden sind aus seiner Sicht konservative Spießer. Doch es gibt noch diese langhaarigen Typen in engen Leggings. Wie Hippies wirken sie auf Lamprecht. Dass sie in steilen Felswänden hängen und sich mit einem Finger im Fels nach oben ziehen, fasziniert den Jugendlichen. Ihnen möchte er nacheifern. „Das war für mich der Inbegriff von Freiheit“, erzählt er. Später reist er für seinen Sport um die Welt. „Ich habe mir immer die schwerste Route am Felsen gesucht“. Und wenn er es nicht schafft, kommt er das nächste Jahr eben wieder, bis es klappt.

Mehr als 30 Jahre später steht der inzwischen 46-jährige Toni Lamprecht unterhalb der „versteckten Wand“ am Kochelsee. Der Fön hat den Himmel Mitte November blitzblank geputzt und die Temperaturen nach oben getrieben. Um die 13 Grad Celsius hat es gegen 13 Uhr. Der nach Südosten exponierte Fels ist trocken genug, um Klettern zu können. Lamprecht ist zum Bouldern – so heißt das Klettern an Wänden oder Blöcken in Absprunghöhe ohne Seil und Gurt – von München aus herausgefahren. „Ich brauche nicht mehr die 300 Meter breite orangefarbene Sandsteinwand“, sagt er. „Ich kann die Herausforderung an einem drei Mal drei Meter großen Klapfen genauso finden.“

Akribisch begutachtet Lamprecht die Wand etwa 100 Meter über dem Höhenweg nach Schlehdorf. Direkt gegenüber ragt das Gipfelkreuz des verschneiten Herzogstands in die Höhe. Der Sonderpädagoge greift am Fels hierhin und dorthin, um zu sehen, ob Finger und Füße irgendwo Halt finden. Dann greift er zur Zahnbürste und poliert mit Magnesium eine dunkle Stelle. Staub und Dreck haben sich dort abgesetzt – und das ist beim Klettern unter den Fingern porös. Deshalb entfernt Lamprecht sie mit der Bürste. Nur so hat er später die optimale Haftung.

Mit dem Klettergebiet in Kochel am See ist Lamprecht eng verbunden. Als Jugendlicher haben seine Eltern – beide selbst Bergbegeisterte – ihn und seine Freunde auf dem Weg zu ihren Touren frühmorgens beim Parkplatz Altjoch abgesetzt und abends wieder abgeholt. Da war er 15, 16 Jahre alt. Ab Ende der 1980er-Jahre bohrte er in dem Kalkstein-Gebiet zahlreiche Routen ein. Mehr als hundert kletterte er selbst bis zu den höchsten Schwierigkeitsstufen im zehnten und elften Grad. Mehr als 300 Boulder-Erstbegehungen kamen bis heute hinzu. Zu deren schwierigsten zählt „Bokassa’s Fridge – Assassin, Monkey and Man mit der zweithöchsten 8c+-Stufe auf der beim Bouldern verbreitesten Fontainbleau-Skala. Mit Seil hat Lamprecht etwa „Beat it“ oder „Jaws“ (beide XI-/XI) geklettert. Die anspruchsvollste Route von Lamprecht im Kochler Klettergebiet ist das „Marsupilami“ (XI). Die bisher schwerste Route war aber „Die Welle“ (XI) am Leonhardstein bei Kreuth im Tegernseer Tal.

Mit 17 Jahren den ersten Wettkampf gewonnen

Als Jugendlicher war Lamprecht viel im Altmühltal unterwegs, trainierte im legendären Felsengarten in Buchenhain. In Kochel am See hatte er bald alle Routen seines Idols Sepp Gschwendtner, der begonnen hatte, das Gebiet zu erschließen, abgeklettert. Deshalb suchte er die nächste Herausforderung. „Mit 17 Jahren habe ich meinen ersten Wettkampf in Deutschland gewonnen“, erzählt er. Unter den Kletterern hieß er bald nur noch „Stier von Kochel“. Für einen Süddeutschen mit breitem Kreuz habe die Assoziation mit der starken Figur des „Schmied von Kochel“ nahegelegen, sagt er. Außerdem seien damals die Rocky-Filme mit Sylvester Stallone als Boxer populär gewesen. Die Assoziation zwischen dem Beinamen „italienischer Hengst“ für die Filmfigur und dem „Stier“ habe nahegelegen. „Der hat die meiste Power“, sagt Lamprecht.

Im World Cup der Kletterer war der gebürtige Starnberger damals meist der jüngste. Für die Weltspitze reichte es allerdings nicht. Nur auf dem 20. Platz zu landen, genügte Lamprecht aber nicht. „Ich bin für den Wettkampf etwa nach England gereist und fünf Meter geklettert. Das war ein unbefriedigendes Gefühl.“ Womöglich, räumt Lamprecht ein, habe er auch dem Druck nicht standhalten können. Deshalb ließ er das Wettkampfklettern wieder.

Das Klettern ist für Lamprecht wie ein mathematisches Puzzlespiel. Das macht für ihn einen Teil der Faszination aus. Jede Griff- und Trittkombination überlegt er sich ganz genau und probiert es sofort aus. Als Lamprecht an der versteckten Wand eine besonders knifflige Zug-Kombination gelingt, verzieht er den Mund zu einem breiten Grinsen. „Jetzt habe ich das Rätsel gelöst“, ruft er freudestrahlend. Diese Vorgehensweise ist die Grundlage für seine Kletter-Projekte. Er merkt sich jede gelungene Aktion ganz genau, schreibt sich zu Hause jeden Griff akribisch auf. Vier Monate lang ist er etwa zu einer Felsnadel am Blankenstein im Tegernseer Tal gefahren. Langsam hat er sich hochgearbeitet, jede Passage genau studiert. Dann schafft er es von unten nach ganz oben. „Die Nadel galt als unkletterbar. Aber ich wusste, die schaffe ich.“ Geholfen hätten ihm sein fotografisches Gedächtnis, viel Übung, Analyse und Vorstellungskraft.

Für Expeditionen ist Lamprecht weit gereist

In den Granitgipfeln der kanadischen Bugaboos hat er Routen erschlossen und so die Grundlage für die spätere Popularität des Gebiets gelegt. In Madagaskar schaffte er an einer 700 Meter hohen Wand eine Erstbegehung. Er kletterte in Grönland, Marokko, Spanien, Australien, den Vereinigten Staaten, Südfrankreich oder Italien.

Bei seinen Touren ist Lamprecht inzwischen risikobewusster geworden.  Entscheidenden Anteil hatte daran sein Studium der Sonderpädagogik mit den Schwerpunkten Geistigbehinderten- und Verhaltensgestörtenpädagogik an der Universität in München. 2001 schloss er das zweite Staatsexamen für das Lehramt an Sonderschulen ab. Im Referendariat war er an einer Schule zur individuellen Lebensbewältigung für Menschen mit einer geistigen Behinderung oder Beeinträchtigung in Bad Tölz. „Da hat es bei mir Klick gemacht. Ich habe viel mit den Schülern gearbeitet und mir gedacht, wieso ich eigentlich meine Gesundheit so leichtfertig aufs Spiel setze.“ Heute arbeitet er am „Förderzentrum emotionale und soziale Entwicklung“ in München. Dorthin kämen Schüler, die an anderen Schulen den genormten Ablauf störten oder die Teilnahme am Unterricht verweigerten. Was alle verbinde sei ein geringes Selbstwertgefühl. „Aus den Elternhäusern bekommen sie oft keine oder nur wenig Unterstützung, haben viele Probleme“, erklärt Lamprecht. Vielen fehle der Bezug zur Natur. Ausflüge würden sie nicht kennen.

Zum Ausgleich zu seinem auch emotional fordernden Beruf klettert Lamprecht gerne. Zwei- bis dreimal in der Woche ist er im Freien unterwegs. Kletterhallen mag er nicht. „Da werde ich nervös, wenn über, unter und neben mir so viele sind“, sagt er. Und wenn das Wetter einmal doch nicht zum Klettern im Freien reicht, dann akzeptiert er das. Diese Gelassenheit hat er mit den Jahren gewonnen. Und wenn er nach einer gelungenen Tour in der Sonne sitzt, denkt er manchmal an seine Eltern. „Ich bin dankbar, dass meine Eltern mir den Zugang zur Natur ermöglicht haben.“ Das sei ein Geschenk.

Fotos: Benjamin Engel


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