Eine Umarmung von Klassik, Weltmusik und Jazz, die wie eine Frischzellenkur wirkt: Das Tölzer „Machado-Quartett“ im Konzert und mit neuer CD.
Musik, die dem Puls Beine macht
Von Claudia Koestler
Bad Tölz, 5.12.2013 – Die Geburt eines neuen strahlenden Sterns am Gitarren-Himmel erlebten kürzlich zahlreiche Zuhörer, als das „Machado-Quartett“ ein ausverkauftes Konzert im Tölzer „Gasthaus“ gab. Und das ist beileibe nicht zu hoch gegriffen. Denn was die vier Musiker Stefanie Kobras, Ingo Veit, Perry Schack und Bernhard Prüflinger in ihrem Konzert hinzauberten, nötigte Respekt ab und öffnete neue Räume für ein altes Instrument: Die Konzertgitarre.
Sie selbst nennen ihre Richtung auf ihrer neuesten CD „Guitarra Nueva“. Nicht länger soll das Instrument nur Traditionen und Klänge konservieren. Vielmehr wollen die vier mit der Konzertgitarre im Kielwasser der Gegenwart reisen. Das Instrument soll „raus aus dem Elfenbeinturm und an die frische Luft, dorthin, wo die Menschen lauschen, feiern, tanzen, leben“, so die Musiker. Das Rezept also lautet Offenheit, für Stile, für Kompositionen und auch für Spieltechniken und Klangmöglichkeiten. Die vier Tölzer Musiker besetzen somit eine Nische, deren bisheriges Fehlen erst durch sie bewusst wird: Einerseits klassische Gitarrenmusik, andererseits fulminante, kunstvoll verzierte spanische oder lateinamerikanische Musik, die nicht nur den Kopf, sondern auch die Beine erreicht. Dazu Eigenkompositionen und Bekanntes in neuer Art: Verschiedene Klangfarben der Gitarre erzeugten die Wirkung unterschiedlicher Instrumente. Selbst das Schlagzeug fehlte nicht, wenn mit einem Jazzbesen auf dem Resonanzkörper der Gitarre getrommelt wurde.
Reiche Palette an fingerfertiger Gestaltungskunst
Präsentiert wurde das Ganze mit einem einnehmendem Gesamtkonzept. Denn umrahmt war der Live-Auftritt von kurzen Filmsequenzen, die die Gruppe in hochästhetischen Bildern bei ihren Aufnahmen zur CD zeigten. Doch vor allem war es ihre Musik, die dem Puls Beine machte: Das Quartett begeisterte durch einen brillanten Ton, eine abwechslungsreiche künstlerische Gestaltung der Stücke und ein perfektes Zusammenspiel, das auch in schnellen Passagen nicht an Genauigkeit verlor. Sie zeigten eine reiche Palette an fingerfertiger Gestaltungskunst, an mühelos wirkenden Effekten, kühnen Oktavgriffen, vielfältigen Klangfarbenabstufungen, feinen Nuancen, unerwarteten Reibungsmomenten und unterschwelligen Spannungszuständen.
Interpretation trifft auf Innovation, Romantik und Folklore auf Groove und Lebenslust
Schwerelos, sensibel und mit einer leuchtenden, federnden Klangintensität boten sie Werke dar wie „Canarios“, „Danza Espanola“oder „Вrazileira“, genauso aber auch Kompositionen der Tango-Legende Astor Piazzolla oder Telemanns „Sinfonia Spirituosa“, teilweise mit eigenen Arrangements dem Ensemble auf den Leib geschneidert. Vor allem stachen aber auch die Eigenkompositionen von Prüflinger hervor. Ein atmosphärisch dichtes Werk beispielsweise „Insomnia“, das er einst in einer Nacht mit Magenschmerzen zur Ablenkung komponierte. Oder das rhythmisch packende, CD-titelgebende „Tickin´“. Kurz gesagt: Hier traf Interpretation Innovation, Romantik und Folklore auf Groove und Lebenslust. Ein gelungenes, von Leidenschaft getragenes Unterfangen, das ordentlich den Staub von den Saiten blies. Das bunt gemischte Publikum genoss ein nicht nur künstlerisch wertvolles, vorwärtsdrängendes Konzert. Nein, sie durften auch einfach genießen und schwelgen. Der Applaus fiel entsprechend rauschend aus.





