Lesen gegen das Vergessen
Benefizabend zum Gedenken an die Bücherverbrennung
Von Peter Herrmann
Geretsried-Gelting, 12.5.2014 – Am 10. Mai 1933 wurden in 22 deutschen Universitätsstädten die Werke jüdischer, marxistischer und pazifistischer Schriftsteller in der Öffentlichkeit verbrannt. Fast auf den Tag genau 81 Jahre später trugen in der Geltinger Kulturbühne Hinterhalt Schauspieler und Künstler Texte aus den Werken verfemter AutorInnen vor. Die Benefizveranstaltung stand unter der Schirmherrschaft von Max Mannheimer und Josef Niedermaier, Landrat im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen.
Überwältigende Resonanz
Wie im vergangenen Jahr war die vom Historischen Verein Wolfratshausen, dem Kulturverein Isar-Loisach und der Kulturbühne Hinterhalt initiierte Benefizveranstaltung am Freitagabend mit über 200 Besuchern restlos ausverkauft. Über drei Stunden lang lasen prominente Gäste aus den Werken verfemter Autoren oder moderierten in kurzen Vorträgen deren Leben. Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums Geretsried zeigten einen Kurzfilm, in dem sie Zeitzeugen des DP-Lagers Föhrenwald interviewten. Musikalische Einlagen und ein bayerisch-jüdisch-türkisches Buffet rundeten die abwechslungsreiche Veranstaltung ab.
Erlös für die Wiederherstellung des Waldramer Badehauses
„Durch die Bücherverbrennung wurden Karrieren zerstört und Lebensentwürfe vernichtet. Allein in München gab es 15.000 Schaulustige, die nicht dagegen eingriffen“, erinnerte Dr. Sybille Krafft an die Taten der nationalsozialistischen Studenten. Die Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen setzt sich mit vielen Aktionen gegen das Vergessen ein. Dazu gehört auch das Ziel, das ehemalige jüdische Badehaus in Waldram in eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte umzuwandeln. „Der Erlös der heutigen Veranstaltung kommt vollständig dem Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald zugute“, erklärte Krafft.
Seit fünf Jahren organisiert Assunta Tammelleo eine Gedenklesung an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten. Diese Veranstaltung findet in der Kulturbühne Hinterhalt statt. Sie adaptierte die Idee von Wolfram P. Kastner, der am Münchner Königsplatz eine Lesung aus Werken verfemter Autoren organisiert und mit einem symbolischen Brandfleck auf diesen gedenkwürdigen Tag hinweist. Zum ersten Mal im vergangenen Jahr wurde Tammelleos Lesung zu einer großen Benefizveranstaltung mit 25 Bühnengästen erweitert. Es ist ein Gemeinschaftprojekt des Vorstands des Kulturvereins Isar-Loisach - Assunta Tammelleo, Nuray Kalkan und Andrea Weber - und der ersten Vorsitzenden des Historischen Verein Wolfratshausen, Sybille Krafft. Zahlreiche ehrenamtliche Mitwirkende beider Vereine halfen mit, diese Veranstaltung zu einem grandiosen Erfolg zu machen. Alle Einnahmen aus dem Kartenverkauf, der Verlosung von Kulturgütern, bei der Ex-Kulturreferent Ludwig Gollwitzer unterstützte sowie den Einnahmen aus dem bayerisch-jüdisch-türkischen Büffets kommen dem Badehausprojekt zugute.
Mutige Autoren
- Das in Dietramszell lebende Autorenehepaar Amelie Fried und Peter Probst stellten den Roman „Menschen im Hotel“ von Vicki Baum vor, dessen Handlung im Berlin der 1920er-Jahre spielt. An der Universität Rostock wurden ihre Werke am 5. Mai 1933 an einem sogenannten „Schandpfahl“ angebracht. Vicki Baum zog ihre Konsequenzen und erwarb 1938 die amerikanische Staatsangehörigkeit.
- Ebenfalls ins Exil ging Stefan Zweig, aus dessen Werk der Schriftsteller Professor Johano Strasser las. Der Österreicher zerbrach am Exil und setzte seinem Leben 1942 in Brasilien ein Ende.
- An einer Überdosis Tabletten starb Kurt Tucholsky. Ob der damals 45-jährige Suizid beging oder nur seine Schmerzen lindern wollte ist indes in der Forschung umstritten. Der evangelische Pfarrer Christian Moosauer und der Künstler Wolfram P. Kastner würdigten ihn als Menschen, der durch die Veröffentlichung seiner Aufsätze und Reportagen die Kritikfähigkeit der Menschen förderte.
- Der ehemalige Föhrenwald-Zeitzeuge Leibl Rosenberg trug jiddische Gedichte von Itzik Manger und Morris Rosenfeld vor. Manger wurde 1938 aus Warschau ausgewiesen, landete ohne Papiere in Paris, flüchtete vor den Nazis nach Marseille und gelangte über Umwege 1941 schließlich nach England.
- Vier Monate vor Hitlers Machtergreifung in Berlin erschien der Roman „Die Gefährten“ von Anna Seghers, den der Journalist Volker Ufertinger und der Seeshaupter Filmregisseur Walter Steffen vorstellten. Der dargestellte Kampf um die Verwirklichung von Idealen lässt sich auch auf die politische Realität des 21. Jahrhunderts übertragen.
- Dass Landrat Josef Niedermaier den am Starnberger See aufgewachsenen Schriftsteller Oskar Maria Graf vorstellte, war kein Zufall. Denn Niedermaier absolvierte u. a. am Oskar-Maria-Graf-Ring einen Teil seiner Bäckerausbildung und Graf arbeitete ebenfalls in einer Bäckerei. „Er war einer der klügsten Köpfe, die Bayern je hatte.“, so Niedermaier. Der Kabarettist Claus Steigenberger las aus Grafs wohl berühmtestem Werk „Wir sind Gefangene“ vor.
- Bereits 1914 starb Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt. Ihr pazifistischer Roman „Die Waffen nieder“ machte sie zu eine der prominentesten Vertreterinnen der Friedensbewegung. Sibylle Krafft und die in Icking lebende Rechtsanwältin Traudl Bergau erinnerten an Suttners Wirken.
- Der in Waldram aufgewachsene Kabarettist Josef Brustmann vertonte einen Textauszug aus dem Zeitzeugenbericht „Über das Verbrennen von Büchern“ von Erich Kästner.
- Ein Jahr nach der Bücherverbrennung starb Joachim Ringelnatz im Alter von nur 51 Jahren. Thomas Kapfer-Arrington, Chefredakteur des Gelben Blatts, erinnerte an Auftrittsverbote und an die Kunstfigur Kuttel Daddeldu, der Schauspieler Hermann Paetzmann in einem gestenreichen Vortrag neues Leben einhauchte.
- Andrea Weber vom Kulturverein Isar-Loisach und Fenny Rosemann, Herausgeberin von Oberland.de, präsentierten den jüdischen Buchdrucker und niederdeutschen Dichter Carl van der Linde. Wie van der Linde stammt Rosemann aus Veldhausen in der Grafschaft Bentheim. Damit sich die Zuhörer in die damalige Zeit zurückversetzen konnten, trat Rosemann in der authentischen schwarzen Arbeitstracht ihrer Ur-Großmutter Altien Rosemann auf. In plattdeutscher Sprache las sie „De Reichstagswahl“ und „Moj is dat Groafschupper Land“ aus dem Buch „Löö en Tieden“. Das Buch enthält ausgewählte Texte und ein Lebensbild van der Linde, herausgebracht von Helga Vorrink und Siegfried Kessemeier. Während der NS-Zeit verfemt, blieb van der Linde im Bentheimer Land bekannt. 2009 wurde „Löö en Tieden“ zum plattdeutschen Buch des Jahres 2009 prämiert.
- Nach der über dreistündigen Lesung sang die Hinterhalt-Wirtin Assunta Tammelleo das Lied „Geh‘n ma Tauben vergiften im Park“ von Georg Kreisler.
Ergreifende Worte des jüdischen Zeitzeugen Max Mannheimer
Nachdem alle Akteure auf der Bühne abschließend mit starkem Applaus vom Publikum verabschiedet wurden, ergriff der Schirmherr Max Mannheimer das Wort. Der 94-Jährige, der den Holocaust überlebte, war von der Veranstaltung beeindruckt: „Wenn ich mir dieses Engagement ansehe, mache ich mir um die Demokratie hier im Staat keine Sorgen.“ Er appellierte: „Hier ist Mut komprimiert. Wir müssen uns aktiv für die Demokratie einsetzen. So besiegen wir die Nazis“. Dass dieses Ziel mit dem Einsatz von Frauen wie Sibylle Krafft gelingt, steht für Mannheimer außer Frage: „Sie ist eine Powerfrau. Wenn sie sich ein Ziel setzt, schafft sie das auch“.
Fotos: Isabel Heß, Peter Herrmann, Andrea Weber





























