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Das Euro-Studio Landgraf inszeniert „Des Teufels General“ in der Wolfratshauser Loisachhalle und lässt das Publikum auf zig Ebenen reflektieren.

„Des Teufels General“

Von Claudia Koestler

Wolfratshausen, 15.02.2016 – Es hat eine erschütternde Konnotation, an diesem Abend Zuckmayers Stück über Kriegswahn zu besuchen, während Asylbewerber aus Kriegs- und Krisengebieten zu Tausenden an den Grenzen um Einlass bitten. Was für ein Privileg, in der längsten Friedensperiode, die Europa je erlebte, über die heutige Relevanz des Stückes nachdenken zu können. Dabei schien die Geschichte über den Luftwaffengeneral Harras, von Zuckmayer 1943 im amerikanischen Exil geschrieben, 1946 in Zürich uraufgeführt und in den fünfziger Jahren das meistgespielte Drama auf deutschen Bühnen, schon fast ad acta gelegt. Jetzt also die Neuproduktion des Euro-Studio Landgraf, das auf seiner Tournee am Samstag in Wolfratshausen Halt machte und bewies, wie relevant es gerade heute ist.

Im Mittelpunkt der Handlung steht General Harras, gespielt von Gerd Silberbauer, ein Kerl von echtem Schrot und Korn und Weiberheld, der sich nur wegen seiner Liebe zur Fliegerei mit den Nazis eingelassen hat. Mitten im Krieg beunruhigt nun eine Reihe von Flugzeugabstürzen die Führung der Wehrmacht. Harras, auch für die Materialkontrolle zuständig, soll die Ursache finden. Doch erst als ein guter Freund von Harras mit einem defekten Flugzeug tödlich verunglückt und Harras’ engster Mitarbeiter Oderbruch, dem er bis dahin blind vertraut hatte, gesteht, dass er, als Akt des Widerstands gegen das Hitler-Regime, Sabotage begangen und die Abstürze herbeigeführt hat, muss der Fliegergeneral seine Rolle in der NS-Maschinerie überdenken. Und sieht keinen anderen Ausweg, als selbst in eine defekte Maschine zu steigen, um Oderbruch zu schützen und den Widerstand zu stärken.

Die Figur des Generals, die Zuckmayer geschaffen und seinem Freund Ernst Udet nachempfunden hat, lässt sich zugegebenermaßen mehrfach lesen. Als Haudegen, zwischen Nihilismus, Selbsthass und Restidealen zerrissen, genauso wie als tragischen Helden, der angeekelt ist vom Treiben der Nazis, Juden rettet, Rote schützt und zuletzt, weil er seinen Fahneneid nicht brechen und die Sabotageakte seiner Untergebenen weder verraten noch decken will, in einen „ehrenvollen Tod“ geht. Auch wegen dieser Spannbreite der Auslegung ist Zuckmayers Stück bis heute umstritten. Doch diesem Zwiespalt stellt sich die Inszenierung in ihren drei Akten, Silberbauer lässt seinen Fliegergeneral ambivalent schwanken zwischen den Polen.

Zunächst üben zehn Schauspieler den Veitstanz einer in die eigenen Untaten verstrickten Militärclique. Es wird geraucht und gesoffen, gezotet und gegrölt was das Zeug hält. Todesangst, die zu zackiger Haltung versteinert, Triebe entfesselt, Stumpfsinn und primitive Männlichkeitsrituale an die Stelle des Verstands setzt. Nicht anders die Frauen, die teils seufzen, teils keifen. Eine Wende bringt der Dialog zwischen Harras und dem jungen Flieger Hartmann (großartig: Adrian Spielbauer, der mit zwei Sätzen und drei Gesten einen Charakter zeichnet). Harras will den Todessüchtigen verzweifelt ins Leben zurückreden. Damit beginnt die kluge Demontage des Heldenmythos. Dieser Harras hat Angst, will ein letztes Mal lieben, weiterleben („Dich hätte ich heiraten sollen, Affenschmalz“) und entschließt sich letztendlich zum Todesflug, weil er sich schuldig weiß: des Selbstverrats, der Fahrlässigkeit, der Eitelkeit, des Bösen. Er macht, so das berühmte Zitat im letzten Akt, „dem Teufel“ nun „auch in der Hölle Quartier“. In weiteren Schlüsseldialogen gewinnen auch andere Figuren Kontur: der Chefingenieur und Saboteur (konzentriert: Hans Machowiak), der für ein Ende der Greuel auch den Tod Unschuldiger in Kauf nimmt; der Nazischerge (beängstigend leise kalt: Markus Fisher), der Grausamkeiten schätzt wie ein Kammerkonzert; oder „Pützchen“ (Martina Dähne), die eine Sonderschulung zur Reichsfrauenschaftsführerinnenanwärterin macht und sich in schneidigem Gehorsam der Sache hingibt. So geschliffen manche Monologe und Dialoge sind (Hartmann: „Wie soll etwas Neues werden, etwas Starkes und Gutes, wenn es damit anfängt, dass man das Niedrigste und Gemeinste in den Menschen entfesselt? Wie soll man die neue Zeit ertragen – wenn sie mit nichts als Mord beginnt.“), die Inszenierung war in Teilen etwas überhöht. Die Bedrohung, aus eigenen, vielleicht sogar guten Motiven heraus bei etwas Schlechtem mitzumachen, war deutlich, blieb aber Kunstform. Nichtsdestotrotz war die Darstellung atmosphärisch, unterstützt von einem erstklassigen, weil reduzierten und damit umso wirkungsvollerem Bühnenbild: Zwei Ebenen, eine davon leicht abschüssig. Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg wirkte wie so wie ein ständiges Auf- und Ab, zwischen Selbstüberschätzung und Niederungen balancierend, ein Sog nach unten, aus dem man nicht mehr rauskommt. Silberbauer ist ein Harras, der sich auf Markiges und Haudegentum grundsätzlich einlässt, letztlich aber durchgehend wirkt wie Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Ein grambegeugter Herr, dessen Leichtigkeit längst abhanden gekommen ist.

Totenstille, als Harras zuletzt stumm seine Uhr abgibt. Dann starker, langanghaltender Applaus. Man hat eine Aufführung erlebt, die zeigte, wie viel es noch auszuloten gibt an diesem Stück, das so viel besser, nein, wichtiger ist als sein Ruf.