„Ich habe ein Recht auf Glück!“
von Fenny Rosemann
„Um dem Leben auf die Spur zu kommen, müssen Sie sich erst dem Tod widmen. Leben und Tod sind nur durch imaginäre Grenzen getrennt, die Sie als erster durchbrechen werden.“ forderte Dr. Polidori (Mirkus Hahn) seinen Schüler Victor Frankenstein (Peter Papakostidis) heraus. Den Konflikt um die Erschaffung eines künstlichen Menschen zeigte das Metropoltheater aus München in dem Musiktheater „Frankenstein“ am Freitag, den 26.10.2012 in der Loisachhalle.
„Frankenstein“ von Felix Bärwald und Sven Hasselberg basiert auf dem Roman von Mary Shelley. Eingeflochten waren Szenen um die Autorin Shelley, die nicht auf Anhieb verständlich waren, wenn man die Handlung nicht vorab gelesen hatte. So blieb Spielraum für eigene Deutungen.
Die Geschichte handelte von dem Wissenschaftler Victor Frankenstein (Peter Papakostidis), der ein menschliches Wesen erschaffen wollte und es schließlich nach der Vollendung verabscheute. „Fast zwei Jahre lang habe ich hart gearbeitet mit dem einzigen Ziel, Leben zu erwecken. Aber jetzt da ich fertig bin, erfüllen nur noch blanke Abscheu und Ekel mein Herz. Ich kann den Anblick des Wesens, das ich schuf, nicht ertragen“
Victor floh zunächst vor seiner Kreatur. Diese versuchte, sich in der Welt der Menschen zurechtzufinden. Das menschenähnliche Wesen wurde ergreifend gespielt von Philipp Moschitz. Eindrucksvoll war die Kreatur geschminkt, wie aus Leichenteilen zusammengesetzt. Der Körper wurde von unkontrollierten, zuckenden Bewegungen kontinuierlich geschüttelt. Mit lallendenden Lauten versuchte das Wesen, sich verständlich zu machen und mit Menschen zu kommunizieren, doch es erfuhr lediglich Abscheu. Einzig ein Blinder hatte Mitleid und vermittelte der Kreatur das Sprechen und Lesen.
„Ich habe ein Recht auf Glück!“
Von allen abgelehnt klagte die Kreatur Frankenstein an: „Du allein trägst Schuld an meinem Schmerz. Siehst Du nicht, was Du getan hast? Du hast dies alles zu verantworten. Es ist Deine Schöpfung, Dein Universum, Dein Spiel!“ Auf der Suche nach Glück und Liebe forderte die Kreatur von Frankenstein eine Frau, die ihm selbst gleichen sollte. „Du musst für mich eine Frau erschaffen. Mit der ich mein Leben verbringen kann. Ich habe ein Recht auf Glück! Jedes Wesen in der Natur hat einen Gefährten.“ Weil die Kreatur schwor, danach aus seinem Leben zu verschwinden, kam Frankenstein nach anfänglichem Zögern dem Wunsch nach und erschuf ein Frauenwesen. Zu diesem „teuflischen“ Treiben klang treffend schräg das raue „Up Jumped The Devil“ von Nick Cave. Von starken Zweifeln geplagt, fürchtete Frankenstein, erneut ein Ungeheuer zu schaffen und ließ das weibliche Wesen sterben – im Beisein der Kreatur. Verzweifelt schwor es Rache „Du hast mir meine Hochzeitsnacht genommen, so werde ich Dir die Deine nehmen. Du hast alle meine Empfindungen zerstört. Sieh Dich vor. Ich werde in Deiner Hochzeitsnacht bei Dir sein!“
Viktor heiratete Elisabeth (Irina Ries). In der Hochzeitsnacht machte Viktor sich auf, um nach der Kreatur zu suchen und es zu töten. Zwischenzeitlich erschien das Wesen bei Isabel und gewann ihr Mitleid und Vertrauen. Gemeinsam beteten sie das Vaterunser. Nachdem Isabel die Kreatur berührte, wird sie von ihr getötet. Anrührend schloss diese dramatische Szene mit der Arie „Lascia ch´io pianga mia cruda sorte“ (Lass mich beweinen mein grausames Schicksal) von Georg Friedrich Händel.
Wie eine schaurige Abbildung des Prometheus
Mit dunkelfarbenen Malereien, die wie abstraktes Wurzelwerk anmuteten, wirkte die Bühne wie eine Unterwelt oder der Vorhof zur Hölle. Requisiten wurden spärlich, aber einfallsreich eingesetzt, wie z.B. eine E-Gitarre, deren Töne den Kreaturen scheinbar Leben einhauchte und ein an Stahlseilen aufgehängtes Brett, auf dem Frankenstein an seinen Kreaturen operierte. Die Kostüme entsprachen der Entstehungszeit des Romans in 1818. Die Kreatur war nackt oder nur mit einer Hose spärlich bekleidet und wirkte wie eine schaurige Abbildung des Prometheus aus der griechischen Mythologie, gemäß dem Romantitel „Frankenstein or The Modern Prometheus“.
Ergreifendes Musiktheater und ausdrucksstarke Darsteller
Felix Bärwald und Sven Hasselberg haben ein ergreifendes Musiktheater geschrieben. Die Dramatik einiger Szenen war mit Musik untermalt, sie klang ungeschliffen und roh, oder anrührend. Die Darsteller setzten das Werk schauspielerisch ausdrucksstark um und das Publikum dankte mit kräftigem Applaus. Die Aufführung entließ die Zuschauer mit aufwühlenden Gedanken in den Abend zu Themen wie dem „künstlichen Leben“, dem „Umgang mit dem Leben aus der Retorte“, der „nackten Existenz“, dem „wissenschaftlichen Eifer und der Moral“, der „Bedeutung von Ablehnung“, der „Angst nicht geliebt zu werden“, dem „Urvertrauen“ sowie der „Verantwortung im Leben“.
Fotos: Andrea Weber, Fenny Rosemann





















