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„Karl Valentin“ mit Michael Lerchenberg

„Heit is‘ zimpftig“

Von Barbara Semelka

Wolfratshausen, 19. Januar 2014 - „Fang‘ ma o. Wenn’s nix is, hörn wir auf.“ Gesagt, getan: Der Karl-Valentin-Abend in der fast ausverkauften Loisachhalle in Wolfratshausen fängt deshalb an mit aufhören. Der Schauspieler, Rezitator, Regisseur und Intendant Michael Lerchenberg und sein kongenialer Partner, der Cellist Jost-H. Hecker vom Modern String Quartett,  verlassen die Bühne. Erste Lacher und Applaus. Und schon sind die Zuschauer in der Welt der verschrobenen Komik des überbordend kreativen aber auch tragischen Helden der Münchner Kleinkunstbühnen, Karl Valentin, angekommen. Er hat sich gern als Blödsinnmacher vorgestellt, hat mit verschiedenen Projekten aber auch in seinem privaten Umfeld immer wieder Schiffbruch erlitten. Am Ende seines Lebens hat ihm sein Publikum die Liebe entzogen. Doch die vielschichtige Figur und seine Kabinettstücke sind auch fast 66 Jahre nach seinem Tod unvergessen.

Karl Valentin wird deshalb gefeiert in der Loisachhalle. Nicht mit Dauerlachen und Schenkelklopfen, sondern mit Atempausen, verhaltenen Glucksern, Verstehen, Mitleiden, Staunen. Denn wo viel strahlendes Bühnenlicht bleckt, gibt es auch Schatten und Peinlichkeiten. Ja, es gibt Abgründe im Leben und Wirken des Humoristen, der seine Anregungen aus der Tücke der Objekte, dem Alltag von Kleinbürgern und der rigiden Obrigkeit bezog. Doch Lerchenberg und der empfindsame Cellist Hecker stoßen Karl Valentin nicht vom Sockel, wenn sie die komischen Couplets, Sketche und Texte von Karl Valentin feinsinnig und schlüssig verzahnen mit tragischen, traurigen oder ordinären Berichten, die Forscher immer wieder im Nachlass entdecken. Da heißt es dann, die Lippen zusammenzupressen und nicht los zu prusten wie bei den atemlosen Schimpfkanonaden der Ratschkathl, die Liesl Karlstadt so rasant verkörperte. Davon gibt es zwei Versionen, eine zitierbare und eine, die so derb ist, dass sie heutzutage sogar bei Herrenabenden ausgebuht würde. Beide trägt Lerchenberg unprätentiös und irgendwie beiläufig vor. Er rezitiert jedoch nicht, sondern spielt Karl Valentin und Liesl Karlstadt mit ausladenden Gesten, gespitzten Lippen, hinterhältigem Grinsen und übergangsloser Stimmlagen-Modulation, ohne das es bemüht klingt – einfach köstlich.

Valentin war ein Frauenliebhaber und griesgrämiger Ehemann

Beifall, immer wieder, für urkomische Fragmente mit tragischer Wendung und überraschenden Pointen, aber auch für frivole Texte. Denn dieser zaundürre Karl Valentin – mit F gesprochen – war ein Frauenliebhaber mit Hang zu drallen Damen. Eine Geliebte berichtet, dass er ein Vollblutmann gewesen sei, gar ein Naturereignis. Aber er war ein griesgrämiger Ehemann, der seine Frau schikanierte und Ereignisse gelegentlich auch noch als Sketche ausschlachtete wie die Geschichte mit der zu heißen Suppe. So lange hat er herumgemeckert, bis seine Frau völlig aufgelöst war und der Hasenbraten im Ofenrohr verbrannte. All diese dunklen Seiten und Brüche gehören zu Karl Valentin.

Versuchen Sie mal auswendig aufzusagen: Isopropylpropenylbarbitursauresphenyl-dimethyldimethylaminopyrazolon 

In Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Abend bleibt jedoch die heitere Seite dieses unvergessenen Humoristen, sein Infantilismus, seine verschrobenen Ideen, seine Lust am Spielen, Verkleiden, Verkörpern und Scheitern von Kleinbürgern. Oder einfach nur die Wortakrobatik – vor allem von Liesl Karlstadt. Wer versucht Isopropylpropenylbarbitursauresphenyl-dimethyldimethylaminopyrazolon auswendig aufzusagen, wird bald aufgeben. Dieses Bandwurmwort wiederholt die Karlstadt immer wieder bei dem Kurzfilm „In der Apotheke“, als sie einem Vater (Karl Valentin) ein Medikament dieses Namen gegen das Zahnen seines Sohnes empfiehlt. Michael Lerchenberg schafft es auch, spielend. Und erhält dafür genauso Beifall, wie der Cellist Hecker, der die Rezeptur für den Russischen Salat mit Besenstil und Lebertran und anderen unpassenden Zutaten scheinbar ohne Luft zu holen und mit sanft gestrichener Cello-Begleitung bei sich steigerndem Tempo vorträgt – bis zur Taktzahl 192. Michael Lerchenberg hält als Nachweis ein Metronom ans Mikrofon. Jost-H. Hecker sorgt überhaupt für musikalisch stimmige Atmosphäre mit leicht schräger Melodieführung, die oft ins melancholische Moll gerät, mit Kratzen Wiegen, Saitenschwirren – einfach genial.

Kommen die beiden Darsteller um das Stück aller Valentin-Stücke „Der Firmling“ herum? Nein, das geht nicht. Aber wie soll das funktionieren im Sitzen, allein, ohne den Klamauk, den Suff-Stürzen, das Gläser umstoßen, Essen verschütten? Michael Lerchenberg gibt alle drei Protagonisten: den Vater, den ewig kichernden Firmling und den herablassenden Ober. Er wechselt innerhalb einer Sekunde die Gesten, die Gesichtsausdrücke, die Stimmlagen. Es bleibt die Essenz dieses Kabinettstücks und die Erkenntnis, dass hinter all dem auch ein sozialkritischer Aspekt aufscheint. Es hat sich nämlich kein einziger Firmpate gefunden, der Anzug muss passend gemacht werden, ist aber immerhin geschenkt. Nie und nimmer hätte der Vater sich ein solches Stück leisten können und der Firmling den Segen in der Turnhose empfangen müssen. Lerchenberg spielt das komplette Stück, und so mancher Zuschauer wird sich denken: „Heit is‘ zimpftig“, wie der Firmling zig Mal und zum Ärger seines zunehmend betrunkenen Vaters mit hoher Stimme ruft.

Unter den wenigen Trauernden um Valentin stand ein blasser, junger Theologiestudent: Joseph Ratzinger

Karl Valentin und Liesl Karlstadt erlebten ihre Blütezeit in den 1920er Jahren. In dieser Zeit der künstlerischen Aufbrüche und gesellschaftlichen und persönlichen Freiheiten entstehen neben dem Firmling auch die unvergessene Orchesterprobe, die Sache mit den Semmelnknödeln oder dem Buchbinder Wanninger, der als Begriff für Endlosschleifen am Telefon noch heute verwendet wird. Die Nazis verboten solche und andere Stücke und Sketche. Sie sahen darin Verelendungstendenzen. Karl Valentin hielt sich raus aus den widerwärtigen Umtrieben der braunen Horden, er schrieb in den 1940er Jahren das „Hobellied“ um als Anti-Kriegs-Lied. Öffentlich aufgeführt wurde es nie. Die Öffentlichkeit nahm auch kaum Notiz vom Tod des Komikers im Februar 1948. Unter den wenigen Trauernden stand ein blasser, junger Theologiestudent: Joseph Ratzinger.
Das Allbekannte, die dunklen und die sensibel eingeflochtenen abgründigen Seiten des tragisch-komischen Blödsinnmachers haben die Zuschauer fast zwei Stunden lang gefesselt, was sich zwischendurch und erst recht am Schluss in viel Beifall entlud: einfach genial valentinesk.

Foto: © KulturBüro Maria Bruckbauer