Kunstobjekte auf der Almwiese
Von Andrea Weber
Es ist schon ungewöhnlich, mitten auf einer Wanderung plötzlich einem nackten, korpulenten Mann zu begegnen, der entspannt seitwärts langgestreckt auf der Wiese liegt, seinen Kopf auf den Arm stützt und himmelwärts schaut. Es ist der „Sternengucker“. Eine Skulptur aus Eichenholz des Münchner Bildhauers Ernst Grünwald. Folgt man dem Weg, kommt bald darauf ein Waldstück. Mehrere Baumstämme sind mit weißer Farbe markiert, so als würden sie bald der Motorsäge zum Opfer fallen. Bei jedem Schritt weiter fügen sich die Markierungen jedoch wie von Geisterhand zu einem Gesamtbild zusammen und ein riesiges Fischsymbol erscheint. „Sinnsuche“ hat die Landartistin Monika Glasl aus Wackersberg ihre Naturinstallation genannt.
Seit 2008 stehen auf dem Gipfelplateau des Blombergs 17 Skulpturen und Landart-Objekte entlang eines Höhenweges. Der Kunstverein Tölzer Land hat Deutschlands höchsten Kunstwanderweg initiiert. Ein Spaziergang vor Ort ist wie ein Wandel durch eine Freiluftgalerie mit weitem Blick ins umliegende Bergland. „Sinneswandel“ heißt der Weg und dahinter verbirgt sich eine klare Botschaft: Die Symbiose aus Kunst und Natur, soll die Besucher auffordern, sich Gedanken zur gegenwärtigen Klimasituation zu machen.
Um das Kunstprojekt am Berggipfel in diesem Jahr fortzusetzen hat die Tölzer Künstlergemeinschaft im August das erste internationale Bildhauer- und Landartsymposium am Kunstwanderweg organisiert. Eine Woche lang arbeiteten sechs Bildhauer und vier Landartisten aus Bayern, Österreich, Italien und Kirgistan direkt oben im Almgelände. Zu dieser Zeit konnten Wanderer den Künstlern zuschauen, wie ihre Kunstwerke entstehen, konnten die Objekte berühren, spüren, sehen, riechen – quasi mit allen Sinnen die Kunst begreifen. „Die Intention der Künstler ist es doch, mit ihrer
Ausdruckskraft andere Menschen zum Nachdenken aufzufordern“, erklärt Bhavana B. Franke, Malerin aus Egling, 1. Vorsitzende des Kunstvereins Tölzer Land und maßgebliche Initiatorin. Um die Herausforderungen der Zukunft zu bestehen, reiche allein der technologische Fortschritt nicht aus. Phantasie und Einfühlungsvermögen und der Mut zum Querdenken gehörten auch mit dazu, ergänzt die Vorsitzende. Mit ihren Arbeiten möchten die Künstler andere Menschen zu ungewohnten Wahrnehmungsprozessen in Bezug auf Mensch und Natur verhelfen. Das Symposium wurde vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, der Bezirksregierung von Oberbayern, der Stadt Bad Tölz und vom Kunstverein Tölzer Land finanziell unterstützt.
„Freischaffende“ Künstler am Werk
Der Tölzer Bildhauer Josef Lang war einer der Künstler, der während des Symposiums sein „Freiluftatelier“ gleich hinter der Gipfelstation der Blombergbahn bezog. In den sechs Tagen schuf er einen korpulenten Vollholzburschen, der gemütlich dasteht und seinen Blick nachdenklich in die Natur schweifen lässt. Langs Skulpturen sind weit über Bayern hinaus bekannt. Es sind grobschlächtige und überdimensional große Figuren, die der Künstler mit einer Kettensäge aus einem Holzblock formt. Den Tölzer interessieren keine Heldenposen, ihm ist vielmehr der schlichte Ausdruck der Körpersprache eines Menschen wichtig.
V
ersteckt in einer Lichtung auf dem Weg zur Waldherrn-Alm arbeitete in der Symposium-Woche die Künstlerin Anne Franke aus Stockdorf an ihren meterhohen Reisig-Stehlen. „Ruhe vor dem Sturm“ heißt das Kunstwerk aus Astgeflächt verschiedenster Baumarten. Mit ihrem Landart-Objekt will die Künstlerin zeigen, dass nur die Vielfalt der Natur nachhaltig in der Zukunft überleben wird. Den Standort wählte sie deshalb dort am Blomberg, wo Fichtenmonokulturen erste Anzeichen von Sturm- und Käferschäden zeigen. Ihr meterhohes „Verstandsmarterl“, wie sie es nennt, soll ein hölzernes Umwelt-Mahnmal sein, das nun für zwei Jahre an Ort und Stelle verbleiben wird, sowie alle Arbeiten der Künstler.
Wer den Kunstwanderweg besuchen möchte, der kann vom Blomberg-Parkplatz entweder bequem per Sessellift ins „Freilichtatelier“ hinauf fahren oder in rund einer Stunde Fußmarsch über die Forstwege wandern. Auf jeden Fall lohnt sich die Mühe, um einen Blick weit hinaus auf die Natur zu werfen und dabei ihm Nahen über Mensch und Umwelt nachzudenken.





