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Wenn Licht zu Farbe wird – eine Reise nach Tunesien

Franz Marc Museum

Von Fenny Rosemann

Das Franz Marc Museum in Kochel zeigt Werke von Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet. Die Ausstellung „Licht wird Farbe“ erzählt von zwei Künstlerreisen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und davon, wie neue Eindrücke den Blick auf die Welt verändern.

Kochel am See, 16. Oktober 2026 – Schon der Weg hinauf zum Franz Marc Museum ist eine kleine Reise. Mit jedem Schritt öffnet sich der Blick, Licht und Landschaft verändern sich. Vielleicht ist das die passende Einstimmung auf eine Ausstellung, die sich genau mit dieser Erfahrung beschäftigt: Was geschieht, wenn Menschen ihre vertraute Umgebung verlassen und die Welt mit anderen Augen sehen?

Unter dem Titel „Licht wird Farbe. Reisen nach Tunesien“ widmet sich das Franz Marc Museum zwei Reisen bedeutender Künstler der Moderne nach Nordafrika. Zur Eröffnung am Sonntag begrüßte Timm Mittelsten Scheid, Kuratoriumsvorsitzender des Museums, zahlreiche Gäste. Die Kunsthistorikerin Annegret Hoberg und Museumsdirektorin Jessica Keilholz-Busch führten anschließend in die Ausstellung ein.

Ein Jubiläumsjahr voller Kunst

Für das Franz Marc Museum ist die Ausstellung zugleich ein besonderer Höhepunkt seines 40-jährigen Bestehens. Timm Mittelsten Scheid erinnerte bei seiner Begrüßung daran, wie sich das Museum in vier Jahrzehnten zu einem Kunstort entwickelt hat, der fest in Kochel verwurzelt ist und zugleich weit über die Region hinaus ausstrahlt. Er würdigte die Arbeit des Museumsteams und die Unterstützung zahlreicher öffentlicher und privater Leihgeber. Denn eine Ausstellung mit bedeutenden Werken aus internationalen Sammlungen zusammenzustellen, erfordert nicht nur kunsthistorische Expertise, sondern auch aufwendige Organisation.

Rund 60 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Fotografien sind zu sehen. Bedeutende Leihgaben stammen unter anderem aus dem Lenbachhaus München, dem Kunstmuseum Bern und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Hinzu kommen Werke aus privaten Sammlungen, die sonst nur selten öffentlich zugänglich sind.

Zwei Reisen, zwei künstlerische Perspektiven

Im Mittelpunkt stehen die Tunesienreise von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky im Winter 1904/05 sowie die berühmte Reise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im April 1914. Während Münter und Kandinsky mehrere Monate in Tunesien verbrachten, waren Klee, Macke und Moilliet nur rund zwei Wochen unterwegs. Klee reiste einige Tage früher zurück. Dennoch entwickelte gerade diese kurze Reise eine außergewöhnliche Wirkung auf die Kunstgeschichte.

Die Kunsthistorikerin Annegret Hoberg, die an der Konzeption der Ausstellung mitgewirkt hat, erinnerte daran, wie produktiv die drei Künstler während ihrer kurzen Reise waren. August Macke schrieb begeistert an seine Frau Elisabeth:

„Es ging wie der Teufel und ich bin von einer Arbeitsfreude, wie ich sie nie gekannt habe.“ August Macke

Die intensive Beschäftigung mit dem nordafrikanischen Licht, den Farben und der Architektur führte zu Aquarellen von bemerkenswerter Leuchtkraft. Formen und Gegenstände lösten sich zunehmend in farbige Flächen auf.

„Die Farbe hat mich“

Besonders eindrucksvoll schilderte Hoberg die Bedeutung der Reise für Paul Klee. In Kairouan erlebte der Künstler einen entscheidenden Moment seiner künstlerischen Entwicklung. In seinem später bearbeiteten Tagebuch hielt Klee jene berühmt gewordenen Worte fest:

„Die Farbe hat mich. [...] Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Paul Klee

Für Klee, der bis dahin vor allem als Zeichner und Grafiker hervorgetreten war und als Maler noch am Anfang stand, wurde die Reise zu einem Wendepunkt. Ihre Eindrücke wirkten noch lange nach und fanden bis in die 1920er-Jahre Eingang in seine Werke.

Auch Macke verarbeitete die Erfahrungen nach seiner Rückkehr in Gemälden weiter. Wenige Monate später fiel er im September 1914 im Ersten Weltkrieg.

Gabriele Münter – eine überraschende Entdeckung

Einen besonderen Schwerpunkt setzt die Ausstellung auf die bislang weniger erforschte Tunesienreise von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky.

Jessica Keilholz-Busch, Direktorin und Kuratorin des Franz Marc Museums, erläuterte bei der Eröffnung, dass beide ursprünglich eher aus privaten Beweggründen nach Nordafrika gereist waren. Allerdings verlief ihr Aufenthalt zunächst anders als erwartet: Das Wetter war ungewöhnlich schlecht. Über Wochen konnten sie nur eingeschränkt reisen und hielten sich vorwiegend in Tunis und der näheren Umgebung auf. So entstanden zahlreiche Zeichnungen und Gemälde, darunter Ansichten, die beide Künstler vom gleichen Motiv aus unterschiedlichen Blickwinkeln festhielten.

Besonders bemerkenswert sind Münters Fotografien. Schon früh hatte sie mit einer tragbaren Kodak-Kamera gearbeitet und einen eigenständigen fotografischen Blick entwickelt. Ein eigenes Kabinett der Ausstellung ist ausschließlich Münters Fotografien gewidmet. Keilholz-Busch hob die bewusste Bildgestaltung, die Perspektiven sowie Münters Umgang mit Licht und Schatten hervor. Ihre Fotografien zeigen, dass sie dieses damals noch wenig als Kunstform anerkannte Medium bereits bemerkenswert souverän beherrschte.

Wie Reisen den Blick verändern

Wie werden aus Reiseeindrücken Bilder? Wie verändern fremde Landschaften, ungewohnte Lichtverhältnisse und neue Begegnungen die Wahrnehmung eines Künstlers? Diese Fragen stehen im Zentrum der Ausstellung, wie Keilholz-Busch in ihrer Einführung erläuterte.

Dabei geht es nicht nur um das, was die Künstler unmittelbar vor Ort geschaffen haben. Die Ausstellung untersucht ebenso, wie ihre Erfahrungen später in neue Bildsprachen, Farbkompositionen und künstlerische Ausdrucksformen einflossen.

Ein weiterer Aspekt ist der historische Hintergrund der Reisen. Tunesien war seit 1881 französisches Protektorat. Die Künstler bewegten sich in einer Umgebung, die bereits stark durch europäische Vorstellungen, touristische Angebote und koloniale Strukturen geprägt war.

Keilholz-Busch machte deutlich, dass das vermeintlich authentische Bild des Orients vielfach eine europäische Konstruktion war, geprägt durch Literatur, Reiseberichte, Kunst und Postkarten. Die Ausstellung lädt deshalb dazu ein, die Werke nicht nur wegen ihrer Schönheit zu betrachten, sondern auch die Bedingungen zu hinterfragen, unter denen sie entstanden sind.

Kunst nicht nur betrachten, sondern selbst erleben

Begleitend zur Ausstellung bietet das Museum kunsthistorische Führungen und kreative Workshops an. In einem eigens eingerichteten Mitmachraum können Besucher selbst mit Aquarellfarben experimentieren. Ihre Bilder werden anschließend an der Wand präsentiert und lassen die Ausstellung weiterwachsen.

Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz dieser Ausstellung: Sie erzählt nicht nur von den Reisen berühmter Künstler, sondern regt dazu an, den eigenen Blick zu verändern.

Und wer nach dem Museumsbesuch wieder den Weg hinunter nach Kochel nimmt, entdeckt möglicherweise selbst etwas, das auf dem Hinweg noch unbemerkt geblieben ist.


Ausstellungsinformationen

Licht wird Farbe. Reisen nach Tunesien

11. Oktober 2026 bis 17. Januar 2027

Franz Marc Museum, Kochel am See

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 128 Seiten und 122 Abbildungen, herausgegeben von Jessica Keilholz-Busch.

 


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