Das Magazin für das Bayerische Oberland

Schülerprojekt mit Gymnasiasten aus Dachau und Geretsried

Wie klingt Geschichte?

von Andrea Weber

Geretsried, 28.5.2013 - Gymnasiasten aus Dachau und Geretsried haben in Zusammenarbeit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, der Stiftung Zuhören und der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit zu vier Themen der NS-Geschichte – Jugendwiderstand, Displaced Persons, Kindertransport, Euthanasiemorde – nach historischen Inhalten recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen und daraus journalistisch-musikalische Hörbilder entwickelt. Entstanden ist eine eindrucksvolle und emotionale CD unter dem Titel „Wie klingt Geschichte? – auf Spurensuche in München“.

„Hitler soll sein Maul nicht so voll nehmen“, hört man eine anonyme Stimme sagen, währenddessen trillert aus einem dumpfen Weltempfänger die Musik der dreißiger Jahre. Irgendwer schraubt am Empfängerknopf, es rauscht und kratzt. Man hört Bruchstücke von Propaganda-Reden, dann rauscht, summt und pfeift es wieder im Sender, ehe sich plötzlich erneut eine Stimme meldet: „Hallo, hallo hier spricht England“. Im Raum, wo der Weltempfänger steht, hört man eine Türe aufgehen und Schritte über den Dielenboden knarzen. „Hei“, zischelt eine leise Stimmen zu anderen Personen im Raum, „wisst Ihr, dass die BBC zu einer Kampagne aufgerufen hat?“ Es gehe um die Erkennungsmelodie des Senders:  Beethovens V. Sinfonie, erklärt die Stimme weiter und ein anderer ergänzt: „Ta-ta-ta-taaa“, das ist doch im Morse-Alphabet  das „V“ wie „Victory“? „Ja, wir sollen „V“s auf öffentliche Gebäuden malen, als Zeichen für den Umsturz“, bekräftigt der Wortführer.

Mit professioneller Unterstützung einen Blick zurück in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte

Auf weißem Untergrund stehen schwarze Buchstaben in schlichter DIN-Schrift. Sie sind grafisch so angeordnet, dass sie an die Inschrift eines Mahnmals erinnern. Schlägt man dieses schnörkellose Cover auf, stecken zwei CDs in den Innentaschen, schwarz bedruckt und ohne Worte. Was darauf zu hören ist, bedarf auch keiner Erklärung. In einem Gemeinschaftsprojekt haben 20 Schülerinnen und Schüler des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau und des Geretsrieder Gymnasiums mit professioneller Unterstützung einen Blick zurück in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte geworfen. Was da zu hören ist, sind die Stimmen von Hans Haberl, Daniel von Recklinghausen und Walter Klingenbeck, von Schauspielern nachgestellt. Die jungen Münchner Widerständler wurden gegen Kriegsende verhaftet, weil sie ausländische Radiosender hörten und gegen die Nazis wetterten. Walter Klingenbeck wurde schließlich von der Gestapo hingerichtet. Sie sind die Protagonisten im Radio-Feature zum Thema „Jugendwiderstand im Dritten Reich“ der Dachauer Schülerin Melanie Fiederer (17 Jahre). „Es gibt keine Zeitzeugen mehr“, erklärt die 17-jährige Schülerin, deshalb hat sie im Archiv der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim und in den „Dachauer Heften“ der heutigen KZ-Gedenkstätte recherchiert.

Die Schüler konnten mit Zeitzeugen sprechen

Sehr emotional, weil authentisch nahe, klingt die Geschichte von Karl Rom, die die 17-jährige Dachauerin Annika Mensing in ihrem Hörbild unter dem Titel „Displaced Persons“ stellte. Im Gegensatz zu ihrer Schulkollegin Melanie, konnte Annika mit dem Zeitzeugen persönlich sprechen. „Das Interview dauerte fünf Stunden“, erinnert sich die Schülerin beeindruckt. Rom hatte ihr einen persönlichen Einblick in sein Leben gewährt. Der aus Litauen stammende Jude verbrachte seine Kindheit im Ghetto, überlebte die Konzentrationslager  Polen und Dachau, und wurde schließlich auf dem Todesmarsch nach Allach von Alliierten gerettet und in ein DP-Lager in München gebracht. „Diese Zeit hat sein Leben so geprägt – bis heute will er sich nicht die Frage stellen, wo seine Heimat ist“, erzählt Annika berührt. Ihr Schulkollege Lukas Bernstein hat sich dem Thema Euthanasiemorde gestellt und sein Feature „Unnütze Esser – Ballastexistenzen“ genannt und Lena Kruse gab dem Titel ihres Radio-Beitrags über Kindertransporte die Überschrift: „Wenn ich daran denke, bin ich ein bisschen traurig“.

Es geht um die Fragen: Was hätte ich damals in der Situation getan? Hätte ich einem Juden geholfen oder zivilen Gehorsam geleistet?

Das Projekt „Wie klingt Geschichte?“ wurde in Zusammenarbeit mit der Stiftung Zuhören, der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit sowie dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ins Leben gerufen. Mit Hilfe der BR-Hörspielregisseurin Eva Demmelhuber gestalteten die Dachauer Gymnasiasten die vier journalistischen Radio-Features, auf deren Basis 16 Schüler vom Geretsrieder Gymnasium im Anschluss eigenständige musikalische Hörbilder entwarfen. Beide Projektparteien sollten sich dabei vor allem die Fragen stellen: Was hätte ich damals in der Situation getan? Hätte ich einem Juden geholfen oder zivilen Gehorsam geleistet?

„Wir machten uns zuerst unsere Gefühle klar – was macht Trauer, Angst, Verzweiflung mit uns“

„Nach einer musikvermittelnden Methodik, die sich „Response“ nennt, finden Jugendliche hier über die Musik den Zugang zu historischen Ereignissen, indem sie das Erlernte sowie ihre eigenen Emotionen dazu musikalisch-kreativ zum Ausdruck bringen“, erklärt Juliane Ludwig, Referentin für Jugendarbeit beim BR-Symphonieorchester. Eine Woche lang komponierten und musizierten die Geretsrieder Gymnasiasten mit Profimusikern des BR-Symphonieorchesters in einem separaten Raum in ihrer Schule und nahmen im Anschluss mit den Dachauer Schulkollegen Features und Kompositionen im Tonstudio vom BR auf. „Wir machten uns zuerst unsere Gefühle klar – was macht Trauer, Angst, Verzweiflung mit uns“, erzählt der 17-jährige Julian Kraft, der Querflöte spielt. Danach sei es ans Improvisieren gegangen, ergänzt der Schüler. So sind aufwühlende Klangbilder entstanden, teils untersetzt mit alten Volksliedern oder Geräuschbildern. Ihre Titeln lauten: „Way of no return“, „Ausgelöscht“, „Flügellos“ und „Freedom Wall“.

Das bisher einmalige Schülerprojekt ist auf der CD mit dem weißen Hintergrund und der schwarzen Schrift verewigt. Bereits im Frühjahr durften die insgesamt zwanzig Gymnasiasten in der BlackBox im Münchner Gasteig ihr Projekt präsentieren. Auch auf dem Gedenktag der Bücherverbrennung am 10. Mai 2013 waren sie live in der Kulturbühne Hinterhalt in Geretsried-Gelting zu hören. Denn, so wie Julian Kraft findet: „Sagt Musik mehr, als man mit Sprache ausdrücken kann.“

Fotos: Bayerischer Rundfunk