8. Geretsrieder Unternehmerforum: Dr. Jutta Rump über Fachkräftemangel und Strategien für Unternehmen, künftig genügend Leistungsträger zu finden.

Frühzeitig Strategien entwickeln

Von Claudia Koestler

Geretsried, 7.5.2013 - Kein Tag ohne derlei Schreckensmeldung in den Wirtschaftsmedien: Fachkräfte sind knapp in Deutschland, und das Problem wird sich in den kommenden Jahren noch dramatisch verstärken. Aufgrund der gesunkenen Geburtenrate ist jede Generation fast ein Drittel kleiner als ihre Vorgängerin. Nun setzte sich auch das Geretsrieder Unternehmerforum mit dem Thema auseinander: "Die Arbeitswelt im Wandel: Anforderungen an Arbeitnehmer und Herausforderungen für Arbeitgeber" war der Vortrag betitelt, den die Ludwigshafener Professorin Dr. Jutta Rump hielt.

Rump ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Ludwigshafen. Die gebürtige Sauerländerin gilt als eine der sieben wichtigsten Professoren für Personalmanagement im deutschsprachigen Raum. Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen. Hinzu kommen bundesweit zahlreiche Mandate aus Wirtschaft, Politik, Stiftungen und Verbänden. "Was wir derzeit erleben, ist erst der Beginn der Problematik", so Rump. Sie rechne bis zum Jahr 2030 mit rund 6,5 Millionen fehlenden Fachkräften in deutschen Unternehmen. Hintergründe seien zum einen der demografische Wandel, aber auch ökonomische Trends. Deshalb sei es unabdingbar, dass Unternehmen frühzeitig Strategien entwickeln, um auch zukünftig qualifizierte Beschäftigte zu finden und zu halten, mit denen sie im Wettbewerb bestehen können.

"Wie also hält man sich in Bewegung, ohne die Balance zu verlieren"

Die auseinanderdriftende Zahl zwischen Bedarf und vorhandenen Fachkräften in den Griff zu bekommen, ginge laut Rump nur über drei Maßnahmen: "Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Steigerung der Produktivität und die Ausschöpfung von brachliegendem Potential". Doch "wenn etwas zu einem knappen Gut wird, ändert sich der Blickwinkel", so Rump. Nicht nur müssten folglich junge Fachkräfte künftig bis zu zweimal mehr wissen und können, um die ausscheidenden Fachkräfte zu ersetzen. Sie müssen Identifikation und Motivation ebenso mitbringen wie Qualifikation und Kompetenz, bei gleichzeitiger Gesundheit und Wohlbefinden. "Wie also hält man sich in Bewegung, ohne die Balance zu verlieren", sei aufgrund der steigenden Anforderungen eine der künftigen Kernfragen. Aufgabe der Arbeitgeber sei es deshalb, Personalpolitik künftig arbeitnehmerfreundlicher zu gestalten. "Die Work-Life-Balance muss stimmen", so Rump. Zum Beispiel mit Angeboten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das sei auch ein Schlüssel für bisher brachliegendes Fachkräftepotential: "Es gibt zum Beispiel viele Frauen, die derzeit nur Teilzeit arbeiten", sagte Rump. Doch solange sich die Rahmenbedingungen nicht änderten, blieben viele Frauen dabei, statt voll in den Beruf einzusteigen. "Kinderbetreuungsangebote haben also auch eine strategische Bedeutung. Familienpolitik ist damit kein Klimbim, sondern extrem ökonomisch gedacht". Apropos Ausschöpfung von brachliegendem Potential: Wo dieses liege, dafür zitierte Rump eine Auflistung der Bundesregierung: "Frauen, Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund und andere Randgruppen".

Verlängerung der Lebensarbeitszeit

Ein weiterer Punkt der Strategie: Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. "Wir müssen davon ausgehen, dass in Zukunft nicht mit 67 Jahren Schluss ist", sagte sie. 69 Jahre als Renteneinstiegsalter sei wahrscheinlich, "auch hinter verschlossenen Türen der Gewerkschaften wird das bereits diskutiert", verriet Rump. Jedes Unternehmen sollte zudem die Altersstruktur seiner Beschäftigten gut kennen. "Jüngere ticken nun mal anders als Ältere", sagte Rump. Sind Nachkriegsgeneration und Babybommer noch leistungsorientiert mit Pflichtbewusstsein, Fleiß und Disziplin, tendieren ab 1980 Geborene zu leistungsorienterter Arbeit, die mit Spaß verbunden sein muss. Sehen Ältere noch Führung im Sinne von Partizipation, verstehen Jüngere darunter das Delegieren. "Bei Jüngeren gibt es zudem eine Ökonomisierung der Loyalität", hat Rump beobachtet. Doch auch wenn diese irgendwann die Firma verlassen, setzt Rump auf Strategien, sie vielleicht später zurückzugewinnen, um den "Return on Investment (ROI)" nicht zu verlieren: "Zum Beispiel durch ein Ehemaligen-Netzwerk, über das wir sie über Projekte und Entwicklungen informiert halten".

Ganzheitliches Personalkonzept für Unternehmer

Bei einem solch ganzheitlichen Personalkonzept für Unternehmer sollten also viele Eigenschaften Hand in Hand greifen: Eine wertschätzende, leistungsorientierte Unternehmenskultur, eine offene, individualisierte Führung mit Glaubwürdigkeit, eine flexible und verlässliche Arbeitsorganisation, langfristige und durchlässige Werdegänge, proaktive Gesundheitsförderung, fundierte Ausbildung und Nachwuchsförderung und strategische Allianzen zum Arbeitgebermarketing, etwa durch regionale Präsentation.

„Lernen in der Zukunft bedeutet die Vermeidung des beruflichen Abstiegs“

Doch auch auf den Arbeitnehmer warten außer der Mehrarbeit weitere Herausforderungen: "Lernen in der Vergangenheit bedeutete die Notwendigkeit zum beruflichen Aufstieg. Lernen in der Zukunft bedeutet die Vermeidung des beruflichen Abstiegs", fasste Rump zusammen. Wer sich ergo regelmäßig weiterbildet, ist schon im Vorteil. Denn, wie Geretsrieds Bürgermeisterin Cornelia Irmer in ihrem Schlusswort sagte: "Wer sich jetzt nicht auf den Weg macht, hat schon verloren".