Das Magazin für das Bayerische Oberland
Do020
02. Apr 2026
Fr030
03. Apr 2026
Sa040
04. Apr 2026
So050
05. Apr 2026
Mo060
06. Apr 2026
Di070
07. Apr 2026
Mi080
08. Apr 2026
Do090
09. Apr 2026

Rezension: „Endstation Seeshaupt“ von Walter Steffen

Odyssee durch Oberbayern: Walter Steffens nachhaltig berührender Dokumentarfilm zeichnet die Fahrt des Todeszuges nach, der im April 1945 mit KZ-Häftlingen bis nach Seeshaupt fuhr.

 

Von

Claudia Koestler

Ein älterer Mann in beigem Trenchcoat steht an einem Bahnhof. Der Schriftzug am Gebäude ist alt, die Züge, die hier an- und abfahren, längst modern. Der Mann hat seine Hände tief im Mantel vergraben. Seine Sprache ist suchend, doch die Augen sind hellwach. "Eingraviert" sei für ihn die Erinnerung, sagt er. Erinnerung an diesen Ort, der für ihn soviel bedeutet: Leid, Elend, Ungewissheit, aber auch "neues Leben, neue Geburt".

Geschichte erlebbar machen, um sie in ihrer ganzen Dimension begreifen zu können, das geht nur über persönlichen Bezug. Zumindest ansatzweise spürbar werden die Dimensionen des Grauens, die der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, wenn Zeitzeugen wie Louis Sneh sprechen. Die Strecke des Todesmarsches, auf der 1945 SS-Wachmannschaften Tausende von Häftlingen aus dem KZ Dachau Richtung "Alpenfestung" trieben, markieren hierzulande die 22 identischen Bronzedenkmäler von Hubertus von Pilgrim. Doch zugleich gab es auch einen Todeszug, der im April 1945 mit rund 4000 KZ-Häftlingen durch Oberbayern irrte. Diese Geschichte zeichnet Walter Steffen in dem eindringlichen Dokumentarfilm Endstation Seeshaupt nach, der vielfach preisgekrönt wurde und inzwischen auf DVD erhältlich ist.

Fast körperlich spürbar werden in Steffens Film die Qualen der Häftlinge im Zug ohne Luft, ohne Wasser, ohne Nahrung. Immer wieder wurde der Zug von alliierten Tieffliegern angegriffen, bis es in Poing zum schrecklichen Drama kam: Wegen technischer Probleme musste der Zug anhalten, zeitgleich verbreitete sich die Nachricht, dass der Krieg zu Ende sei. Die Wachmannschaften öffneten daraufhin die Waggons, die entkräfteten Häftlinge versuchten zu fliehen, wurden aber von SS-Männern erschossen oder zurück in den Zug getrieben. 50 Menschen starben, mehr als 200 von ihnen wurden verletzt, rund 250 gelang die Flucht. Im Dorf Beuerberg griffen gar amerikanische Tiefflieger den Transport an. Für die eine Zughälfte war schließlich Seeshaupt, für die andere Tutzing Endstation. Nach fünf Tagen Irrfahrt ohne Essen und Trinken, befreiten schließlich amerikanische Soldaten am 30. April 1945 die Zuginsassen.

Zeitzeugen berichten von ihren Erlebnissen und Eindrücken

Natürlich erzählen Überlebende wie Sneh oder Max Mannheimer, wie sie das Grauen erlebten. Und sie erzählen mit Sprache genauso wie mit Blicken und Worten. Sneh kommt seit 30 Jahren regelmäßig von seinem jetzigen Wohnort Santa Monica in Kalifornien nach Seeshaupt, um dort seiner "Wiedergeburt" zu gedenken. Er ist es auch, der im Film die Zuschauer auf eine Fahrt mit der S- und Regional-Bahn mitnimmt und währenddessen von den damaligen Ereignissen auf dieser Strecke erzählt. Doch Steffen beleuchtet noch mehr Sichtweisen und Wahrnehmungen: An den einzelnen Stationen erzählen auch andere Zeitzeugen von ihren Erlebnissen und Eindrücken jener Tage. Jene etwa, die damals entlang der Strecke wohnten und als Kinder miterlebten, wie Menschen - gespenstisch abgemagert, grau, zerrissen - mit letzter Kraft Zuflucht suchten. Man wähnt sich als Zuschauer für Momente hautnah dabei, wenn Menschen wie Annemarie Gutmann erzählen: "Wir saßen abends noch in der Küche, meine Mutter wollte noch mal schnell Holz holen. Als sie wieder rein kam, sagte sie, horcht´s mal, was ist da los? Da geht´s ja zu da draußen. Schreie, ganz laut,  wie wenn ganz viele...." Am Ende lassen sie die ausgemergelten Flüchtlinge ins Haus, geben ihnen Essen, und einer der Männer beginnt zu weinen und erzählt Grausames von der Ermordung seiner Frau und der fünf Kinder. Zugleich schlägt Steffens Film auch eine Brücke in die Gegenwart und Zukunft. Etwa, wenn heute aktive Erinnerungsarbeit  geleistet wird entlang der Strecke: von Schülern, Lehrern und Mitbürgern.

Das Vorhaben des Filmemachers wird schnell deutlich: Er sucht die menschliche Nähe zum Betrachter, um ihn durch Emotionen zu berühren und ihn in das Geschehen mitfühlend eintauchen zu lassen. Das gelingt Steffen äußerst gut. Denn ohne jedwede Melodramatik oder brüske Evidenz kommen einem die betroffenen Personen auf äußerst menschliche Art und weise nahe, ohne sie zu stilisieren.

Der Film will das Unfassbare verstehen und nimmt den Zuschauer bei diesem Versuch mit

"Endstation Seeshaupt" ist in ruhigem Ton und ruhigen Bildern gehalten, gefühlvoll und sachlich zugleich. Es geht nie um Abrechnung oder Schuldzuweisungen. Der Film will das Unfassbare verstehen und nimmt den Zuschauer bei diesem Versuch mit. Diese Erzählweise macht den Dokumentarfilm nicht nur zu einer intensiven Filmerfahrung, sondern auch zu einem wichtigen Dokument, Licht in ein bislang dunkles Kapitel der Lokalgeschichte zu bringen. Psychologisch ist "Endstation Seeshaupt" ebenso dicht und packend wie der Film historisch lehrreich ist. Man muss Steffen dankbar sein für seinen Mut zur Subjektivität. Denn der Lohn ist ein Film von seltener menschlicher Tiefe, der Geschichte ganz neu erlebbar macht und so dem Vergessen entreisst.

Weitere Informationen

www.endstation-seeshaupt.com

Hier könnnen Sie die DVD kaufen

Amazon

An dieser Stelle sind Inhalte vom externen Anbieter (http://www.youtube.com/) vorgesehen. Wir weisen darauf hin, dass die Inhalte und die Verarbeitung Ihrer Daten bei Klicken auf diesen Link außerhalb des Verantwortungsbereichs von oberland.de liegen und möglicherweise nicht mehr dem Schutzbereich der Datenschutzgrundverordnung unterliegen. Es gelten ausschließlich die Datenschutzbestimmungen des Anbieters. Im Falle eines YouTube-Videos verweisen wir zusätzlich auf unsere Datenschutzerklärung. Details und Einstellungen zu Cookies und Drittanbietertools verwalten

DVD-Informationen

Veröffentlichungstermin: 25.04.2013
Label: EuroVideo Bildprogramm GmbH
Buch, Regie, Produktion: Walter Steffen (München in Indien (Regie); Die Rosenheim-Cops, 4. & 5. Staffel (Buch))
Hauptdarsteller: Louis Sneh, Max Mannheimer (Der weiße Rabe – Max Mannheimer), Uri Charom, Edwin Hamberger, Franz Haider
Produktionsland/-jahr: Deutschland 2010
FSK: Freigegeben ab 12 Jahre
Extras:
Lesung: Berichte von Augenzeugen (25 Min.)
Dokumentation: Dr. Max Mannheimer in der Grundschule Altenerding (40 Min.)
Kino-Trailer (2 Min.)
Deleted Scenes (7 Min.)
Trailer-Show
Bestellnr./EAN: 216353 / 4009750216354
Laufzeit: 94 Min.
Ton: Deutsch DD 2.0
Bildseitenformat: DVD 1,78:1 / 16:9 anamorph


NEWS