Weltklasse-Theater mit Cordula Trantow und den „33 Variationen“ in der Wolfratshauser Loisachhalle und ein Interview über Opferrollen, Klischees, Provinz und Schauspiel als Bildungsveranstaltung.
Wozu in die Ferne schweifen?
Von Claudia Koestler
Wolfratshausen, 25.3.2013 - „Ein bisschen erschöpft“ sei sie jetzt am Ende der dreiwöchigen Tournee schon, sagt Cordula Trantow. Doch das sieht man ihr nicht an: Die Augen blitzen, das Gesicht und ihr Lachen ist strahlend als sie durch die Tür des „Wirtshaus Flößerei“ in Wolfratshausen tritt.
Die Grande Dame des Theaters nimmt den Raum ein. Schick in grauem Strick ist Trantow ganz Profi: 22 Vorstellungen in drei Wochen mit dem Theaterstück „33 Variationen“, das klingt stressig, aber sie kennt es nicht anders: Vor 70 Jahren in Berlin als Tochter eines Dirigenten und einer Tänzerin geboren, war ihr die Kunst praktisch in die Wiege gelegt. Sie hatte dabei „immer das große Glück, das machen zu dürfen, was ich wollte“, sagt Trantow. Als Schulkind bekommt sie eine Ballettausbildung sowie Klavier-, Gesangs- und Schauspielunterricht. Sie macht mit 17 Abitur und entscheidet sich für den Film: „Man würde das nicht machen, wenn man nicht für die Sache brennt“, erklärt sie. „Denn wenn man etwas liebt, ist man auch bereit, viel zu opfern, ohne sich von anderen zum Opfer machen zu lassen“.
Trantow schafft schnell auch den Sprung an die großen Theaterhäuser, etwa in Berlin, München oder Stuttgart. Mit dem Anti-Kriegsfilm „Die Brücke“ wird sie 1959 schlagartig bekannt. Es folgen die großen Rollen des dramatischen Faches und der Applaus von Publikum wie Feuilletons und zig Preise, sogar eine Nominierung für den Golden Globe und auch das Bundesverdienstkreuz sind darunter. Immer wieder wechselt sie auch die Perspektiven. Sie führt Regie, schreibt und wird Intendantin ihres selbst gegründeten Weilheimer Theatersommers und weiterer Festivals.
Künstlerisch sitzt hier eine Jeanne D´Arc, keine Frage. Auch wenn die Tournee ein Kraftakt sei, wie sie sagt, mache es ihr „großen Spaß“. Schließlich ist die Rolle, die sie in Moisés Kaufmans Stück „33 Variationen“ spielt, etwas ganz Besonderes: Viele klassische oder historische Frauenfiguren seien stets „Opfer der verschmähten Liebe des Mannes“. Bislang gäbe es kein weibliches Equivalent zu Hamlet oder Faust, keine Frau, der von einem Autor zugestanden wird, dass sie sich Gedanken darüber macht, was der Sinn des Lebens ist. Doch die Musikwissenschaftlerin Dr. Katharine Brandt, die Trantow in Kaufmanns Stück verkörpert, ist anders: „Sie ist eine berufstätige Frau, sie hat eine Passion: Sie will die Kernfrage lösen, warum hat Beethoven über ein ganz banales, eigentlich lausiges Thema von Musikverleger Diabelli das größte Variationswerk der Musikgeschichte geschrieben?“, so Trantow über den Inhalt.
„Auch in der 22. Vorstellung geht mir jedes Mal wieder das Herz auf“
Auch wenn Trantow selbst die 33 Variationen nie am Klavier gespielt habe: So schön seien sie, dass ihr auch „in der 22. Vorstellung jedes Mal wieder das Herz aufgeht“, verrät die Schauspielerin. Als Collage stellt Kaufman die Suche der unheilbar erkrankten Brandt, der Geschichte von Beethoven gegenüber, und unter welchen Umständen das körperliche wie materielle Wrack die genialen Variationen geschaffen hat. „Zwei Leben zweier außergewöhnlichen Menschen, die besessen sind von etwas, das größer ist als ihr kleines Ego“, fasst Trantow zusammen und kichert vor Glück, wenn sie anfügt: „Das finde ich toll, darum spiele ich die Frau so gerne“. Die Freude an der untypischen Figur hat sie erst im Laufe der Proben für sich entdeckt: „Es ist wunderbar, dass sie eben mal kein Opfer eines Mannes ist“.
Gegen das Klischee besetzt zu werden oder etwas gegen den Strich zu bürsten, das liegt ihr: „Ich habe mal die Claire Zachanassian aus Dürrenmatts "Besuch der Alten Dame" nicht als böse Rächerin, sondern als Liebende gespielt, die sich den Geliebten wieder zurückholt. Mit einer Leichtigkeit, die das ganze viel böser wirken lässt. Ich bin mir ziemlich sicher, wäre Dürrenmatt noch am Leben, erhätte gesagt: Stimmt", sagt sie und fügt schwyzerdütsch gurrend an: „Oderrr?“, ehe sie glucksend lacht. Doch natürlich geht es dabei nicht alleine um das Vergnügen des Spiels oder um die Rollenumkehr an sich.
Wenn Theater gut ist, entsteht eine Magie zwischen den Menschen auf der Bühne und im Publikum
Vor allem geht es ihr darum, das Publikum zu erreichen: „Theater ist nicht blanker Konsum. Wenn es gut ist, ist es viel mehr“, sagt Trantow. Wenn es funktioniert, entsteht eine Magie zwischen den Menschen auf der Bühne und im Publikum. Aber: „Unser Beruf darf eines nicht: Langweilen. Und oft wird inzwischen Bildung leider mit Langeweile gleichgesetzt“. Doch in der Gesellschaft mache sich eine gefährliche Tendenz breit, nicht mehr miteinander zu kommunizieren. „Theater hingegen ist ein Medium, wo der Mensch auf der Bühne den Menschen im Zuschauerraum noch als Mensch erreicht. Man kann nicht wegzappen, man muss sich mit jenen auf der Bühne auseinandersetzen. Das halte ich für immens wichtig“. Viele klassische Werke hätten zudem zeitlosen Stoff, der vor allem die Probleme der Jugendlichen thematisiert. Es gehe also weniger darum, Inhalte zu ändern, als die Inszenierungen verständlich und packend zu machen, um auch junges oder gänzlich neues Publikum für´s Theater weiter zu gewinnen und die Kommunikation aufrecht zu erhalten.
„Ich bin jetzt 70, und mir geht diese Altersegozentrik in unserer Gesellschaft entsetzlich auf die Nerven“
Für sie sei die Figur der Katharine Brandt ein Vorbild: „Ich bin jetzt 70, und mir geht diese Altersegozentrik in unserer Gesellschaft entsetzlich auf die Nerven“, sagt Trantow. Sie beobachte, dass vor allem bei Frauen ab einem gewissen Alter „sich alles nur noch um Krankheiten, Arztbesuche und die Apothekenumschau“ drehe. „Aber ich ziehe den Hut vor Menschen wie jenen, die wir da darstellen dürfen. Und ich wünsche mir, dass ich auch privat die Leidenschaft und den Mut weiter behalte, Ziele zu verfolgen“. Dabei sprüht sie vor Funken und Energie und ihre Augen leuchten über die Aufgaben des Theaters. Auch wenn sie als Profi das Medienspiel perfekt beherrscht, sie hält nichts von Method Acting, wie es vielerorts en vogue geworden sei: „Theater ist nicht Mittel zur Eigentherapie, es ist Handwerk“. Das habe sie schließlich von einem Meister seinem Faches gelernt, ihrem Ehemann, dem Regisseur und Theaterlegende Rudolf Noelte. Doch Schauspielerin ist Trantow nicht ausschließlich: In diesem Beruf sei man zwangsläufig eher egozentrisch, als Regisseur hingegen eher Altruist, „und das entspricht eigentlich meinem Wesen mehr“, sagt sie. Deswegen habe sie sich auch immer weiterentwickeln wollen, als Autorin, als Intendantin, als Regisseurin, kurz: „In allem, was kreativ ist“, lacht sie.
„Die Provinz sitzt im Kopf und nicht in der Region“
Ihre vielen Wege führen oft ans gleiche Ziel: Geschichten, die faszinieren, Kunst, die Augen und Sinne öffnet, zum Nachdenken anregt und Figuren, die Menschen nachhaltig berühren. So wie eben jetzt mit der erstklassigen Produktion von "33 Variationen", mit der Trantow am vergangenen Freitag in der Wolfratshauser Loisachhalle gastierte, als letzte Station der diesjährigen Tournee. „Ich habe nicht die Hybris zu sagen, die Menschen in der Region haben nicht den Anspruch auf eine erste Leistung“, betont sie die Bedeutung des Tournee-Theaters und ihre Freude, damit neues Publikum zu gewinnen, auch fernab abgeklärter Kultur-Metropolen. „Für mich sind Menschen Menschen, egal wo sie wohnen“. Sie freue sich sehr auf die Reaktionen des Publikums in Wolfratshausen, auf die Gespräche, die das Stück hervorrufen mag, die Lust, die Variationen neu zu entdecken und die Anregung, das Leben an sich wertzuschätzen. Und wie sie das sagt und ihre Augen blitzen, weiß man, sie meint es nicht nur so, es ist eine Passion. Nein, ihre Passion. Denn für Trantow sitzt „Provinz im Kopf und nicht in der Region“. Und diesen Beweis tritt sie an. In Wolfratshausen hoffentlich noch öfters.
Besucherstimmen
Oberland.de wollte von den Besuchern wissen, was sie alles obergut finden an Wolfratshausen und seinen Veranstaltungen. Hier lesen Sie, was die Besucher zu „33 Variationen“ am 22.3.2013 in der Loisachhalle geschrieben haben. „Hier find ich‘s obergut, weil …“












