Das Magazin für das Bayerische Oberland

„Eisenstein“ vom Metropoltheater in der Loisachhalle Wolfratshausen

Sinnbildlich, szenisch, grandios

Von Andrea Weber

Wolfratshausen, 8.2.2014 – Eine Frau liegt reglos am Boden, ihre Schuhe stehen am Bühnenrand. Um sie herum schwarz gekleidete Personen unterm Regenschirm – eine Beerdigungsszene. Leise prasselt es im bläulichen Dämmerlicht. Eine Schreibmaschinenschrift tackert auf die hintere Bühnenwand: „Eisenstein, im Jahr 2008“. Es ist die Anfangsszene und gleichzeitig das Ende eines Generationen-Dramas. Das Licht dimmt ab, die Darsteller klappen die Schirme zu, die Tote steht wieder auf, alle drehen sich synchron um, gehen zu der Stuhlreihe zum hinteren Bühnenrand, drehen sich nochmals synchron um und nehmen Platz. Mit einer grandiosen, szenischen Inszenierung ohne Kulissengestaltung, ohne Requisiten und mit einem Ensemble, dessen Ausdruck und Darstellungskunst nicht zu überbieten ist, präsentierte das Münchner Metropoltheater am Freitagabend in der Loisachhalle das Theaterstück „Eisenstein“, eine niederbayerische Familiensaga von Christoph Nußbaumeder.

Für diese exzellente Bühnendarstellung und die außergewöhnliche Inszenierung wurde das Münchner Ensemble auf den Bayerischen Theatertagen 2012 in Augsburg mit dem Preis für eine herausragende Ensembleleistung ausgezeichnet. Verdienterweise – denn am Freitag in der Pause konnte man in den Gesichtern des Publikums lesen, wie fasziniert und gefesselt sie waren, miteinander über den Fortgang des Stücks rätselten und die Beziehungen der Personen Revue passieren ließen. In drei Stunden zeichnete das Bühnenstück die Familiengeschichte der Hufnagels über Generationen nach – nie langatmig, nie unklar oder verwirrend. Eine Geschichte, die den Zeitgeist reflektiert, mit dem Ende des zweiten Weltkriegs beginnend, über die Zeit des Aufbruchs bis in die Moderne – beklemmend und tragisch, erfolgreich und niederschmetternd zugleich.

Schauspielerische Glanzleistung, vom lebensechten Ausdruck bis hin zum permanenten Rollentausch

Die Geschichte beginnt zum Kriegsende 1945 in dem kleinen niederbayerischen Dorf Eisenstein. Erna Schatzschneider (Anna Dörnte) flüchtet aus Böhmen, trifft unterwegs auf einen russischen Soldaten. Diese Begegnung wird zum schicksalsträchtigen Geheimnis, das später das Familienglück über Generationen unaufhaltsam zerbrechen lässt. In ihrer Not kommt Erna am Hof der Hufnagels an, im gottverlassenen Eisenstein nahe der böhmischen Grenze, und wird gezwungenermaßen aufgenommen. Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass sie schwanger ist. Wer der richtige Vater ist, bleibt vorerst ihr Geheimnis. Offiziell heißt es: Der Vater sei im Krieg gefallen. So nehmen die Dinge ihren Lauf. Es geht um Macht, Geld, Reichtum, um Verrat, Verschwiegenheit, Schuld und einer tragischen Liebesbeziehung zwischen Gerlinde (Nicola Norgauer) und Georg (Hubert Schedlbauer), der zweiten Hufnagel-Generation, die am Ende bitter scheitern wird. In weiteren Rollen spielten: Florian Münzer, Oliver Severin, Dirk Bender, Marc-Philipp Kochendörfer, Edith Konrath und Eli Wasserscheid. Es war eine schauspielerische Glanzleistung, vom lebensechten Ausdruck bis hin zum permanenten Rollentausch. Edith Konrath spielte beispielsweise die Mutter, die Tochter und die Enkelin ohne Requisitenveränderung, nur durch veränderter Mimik, Gestik, Bewegung und Stimme.

Die szenische Inszenierung zeigte kurzen Sequenzen, die am Ende wie eingefroren und vom Licht abgedimmt zur nächsten Szene überleiteten. Folglich waren auch die Dialoge nie langatmig. Während einige Darsteller im Vordergrund die Szene spielten und pantomimisch die Umgebung aufzeigten, blieben andere im Halbdunkel auf der Stuhlreihe sitzen und produzierten stimmlich die Nebengeräusche. Besonders beeindruckend war die Szene im Sägewerk. Das Stampfen der Füße klang wie dampfende Maschinen und das Kreischen wie ein helles Kreissägen-Geräusch. Sinnbildlich wurde der Tod dargestellt: Immer wenn ein Sterbefall im Familienclan zu betrauern war, setzte sich der Tote zu Boden, zog die Schuhe aus, stellte sie an den Bühnenrand zu der Schuhreihe der bereits Verstorbenen, und legte sich auf den blanken Boden. Wenn dann die Trauergemeinde die aufgespannten Regenschirme zuklappten, dann war wieder ein Kapitel der Geschichte der Familie Hufnagel beendet.  

Fotos: Juliane Zitzlsperger