Ergreifendes Theater auf fabelhafter Naturbühne
von Barbara Semelka
Wolfratshausen, 20.7.2013 - Packender, dichter und authentischer lässt sich der todesmutige, grausige und blutige Aufstand der Bauern im Oberland aus dem Jahr 1705 wohl kaum darstellen. Dieses Kunststück haben Günter Wagner und das ambitionierte Schauspieler- und Sänger-Ensemble mit der Revoluzzer-Oper „Aufstand“ unter der Regie von Harald Helfrich fertiggebracht.
Wagner ist Musiker, Liedermacher, Autor und Leiter des schon jetzt legendären Wolfratshauser Flussfestivals. Der Regisseur Helfrich ist bekannt auch vom Chiemgauer Volkstheater. Dass Liedermacher Konstantin Wecker auch noch die Musik für dieses Theaterspektakel geschrieben hat, setzt dem ganzen noch die Krone auf. Und dann das Bühnenbild, das vermutlich kaum ein Theater der Welt so lebensecht gestalten kann: die gemächlich fließende Loisach, der Blick auf die Skyline der Altstadt von Wolfratshausen und den Bergwald und viel Platz außerhalb des Bühnenfloßes für das Schlachtengetümmel. Einfach fabelhaft. Die Zuschauer unter dem Zeltdach auf dem Festivalgelände waren von der ersten Minute an ergriffen, hielten den Atem an, ballten die Fäuste, wurden fast ein Teil des Stückes. Vor allem aber spendeten sie reichlich Szenenapplaus und feierten Ensemble, Autor und Regisseur am Schluss des mitreißenden Abends im Stehen. Im Theater wären das mindestens sechs Vorhänge gewesen.
Es zählt zu den Kunstgriffen, dass Autor Günter Wagner den Bauernaufstand gegen die menschenverachtenden Habsburger an wenigen Figuren festmachte. So wurde die Übermacht der mordenden und marodierenden Truppen des habsburgischen Kaisers Joseph I. gegen die darbenden Untertanen – die Bauern - mehr als deutlich. Im Mittelpunkt steht die Familie Klinger, die durchaus aus Wolfratshausen stammen könnte. Denn auch hier erhoben sich die Mutigsten und versuchten, die Zweifler mitzureißen, um in der Nacht zum 25. Dezember 1705 gen München zu ziehen, die Habsburger zu stürzen und zu erreichen, dass Kurfürst Max Emanuel aus dem Exil zurückkommt, um „seine“ Bürger mit sanfter Hand und Liebe zur bayerischen Heimat zu regieren. Doch es ist die Frau Resi (Isabella Leicht) des Hauptdarstellers Jakob Klinger, die die Situation glasklar erfasst: „Es sind miserable Zeiten, wir haben nichts mehr zu essen, unser einziger Sohn wird eingezogen – wir müssen uns endlich wehren.“ Da erheben sich Klinger, dargestellt von dem aus Theater, Film und Fernsehen bekannten Schauspieler Winfried Frey, und seine zweifelnden Freunde Balthes (Matthias Eichholz) und Anton (Hermann Paetzmann), was in der Oper in einen mit rasantem Beat unterlegten Revoluzzersong gekleidet wird: „Pack‘ dein Leben beim Schopf! Bauer steh‘ auf! Lieber boarisch sterben, als kaiserlich verderben.“ Fast möchte man als Zuschauer mitsingen, den Bauern Mut machen.
Viele starke Szenen und eindringliches Spiel der Akteure
Die ruhige Szene am Anfang des sonst temporeichen Stückes veranschaulicht eindringlich, wie schlecht es den Menschen geht. Da klopft es derb an die Tür. Ein Soldat will den blutjungen Bauernsohn Sebastian (Andi Mittermeier) einziehen. Der verrohte Uniformierte schlägt den kriegsversehrten Bauern nieder und versucht, seine Frau zu vergewaltigen. Eine der vielen starken und fast nicht zu ertragenden Szenen. Klinger rafft seine letzten Kräfte zusammen, tötet den Soldaten und steckt seinen Sohn als Tarnung in eine Uniform. Schon bei dieser Anfangsszene stockt den Zuschauern der Atem ob des eindringlichen Spiels der Akteure.
Da ballt sich im Publikum so manche Faust und man möchte eingreifen, mitrevoluzzen
Doch Klinger ist ein friedliebender Zeitgenosse. Er zweifelt immer noch vom Sinn und Unsinn eines Aufstands und stellt fest: „Am Schluss kämpft doch jeder für sich selbst. So ist der Krieg.“ Aber er rafft sich auf und überzeugt seine Kumpel Balthes und Anton. Wie groß der Abstand ist zwischen Volk und Obrigkeit verdeutlichen die Auftritte des Kurfürsten in prächtigem Gewand und gepuderter Perücke, brillant und präsent gespielt vom langjährigen Tatort-Darsteller Andreas Borcherding. Der bornierte Fürst macht sich lustig über die bedrohte Existenz seiner Bürger. „Meine Hunde müssen in Nymphenburg für fremde Herren jagen. Das sind doch die wirklichen Probleme und nicht diese Lappalien von hungern und darben.“ Der hohe Herr wünscht sich ein devotes, braves Volk und keinen Aufstand. Klinger bittet also - wie nicht anders erwartet - völlig umsonst. Da ballt sich im Publikum so manche Faust und man möchte eingreifen, mitrevoluzzen. Zumal der Kurfürst auch noch den zynischen Satz formuliert „Der Krieg fordert das Beste im Manne.“
Auf der Bühne und am Loisachufer wird gelitten, gekämpft und gestorben
Doch die Zuschauer bleiben sitzen und verfolgen fast atemlos das weitere Geschehen, von dem Historiker berichten, wie blutig und gnadenlos der Aufstand in der Heiligen Nacht in Sendling mit 1100 toten Bauern niedergeschlagen wurde. Auf der Bühne und am Loisachufer wird gelitten, gekämpft und gestorben. Ein Feuer wird entzündet, das Natur-Bühnenbild macht sogar das Rudern im Fluss möglich. Drohend wummern die Trommeln der Soldaten im Pulverdampf. Sie kommen immer näher, zücken ihre Gewehre und Bajonette. Zu allem entschlossen und mordlüstern sind diese Soldaten (Jörg Schwenger, Lukas Wolf und Manfred Schmidbauer u.v.a.m.) Manche der Krieger stehen am Loisachufer mit meterhohen Stelzen, was die Ohnmacht der todesmutigen Aufständischen noch mehr unterstreicht und die Zuschauer frösteln lässt.
Songs mit der unverkennbaren Handschrift von Konstantin Wecker
„Warum schaut der Herrgott zu“ beklagt sich Jakob Klinger. Er verliert seinen Sohn in dieser Metzelei, die kaum noch erträglich scheint, so intensiv wird das vom Ensemble herausgearbeitet, und er wird selbst schwer verletzt ohne aufzugeben. Allein die eingestreuten Songs mit der unverkennbaren Handschrift von Konstantin Wecker bieten nicht nur eine kurze Atempause für die Theaterbesucher, sondern auch tröstliche und Mut machende Botschaften: Das Volk ist aufgewacht, leistet Widerstand und zwingt die Regierenden zum Umdenken. Besonders das Lied der Bauersfrau, das Günter Wagner nach eigenen Angaben für die Vorstellungen im vorigen Jahr beim Geretsrieder Kulturherbst in nur zehn Minuten geschrieben und Wecker sogleich vertont hat, erzeugt mit ihrer Klage und dem pathetischen Duktus der Melodie einmal mehr Gänsehaut. „Auf dieses Lied bin ich besonders stolz“, sagt der Autor am Rande der umjubelten Vorstellung, die nach Einbruch der Dunkelheit noch authentischer und packender wirkt. Freilich spielen die professionellen Schauspieler souverän ihre Rollen. Doch auch die semiprofessionellen von der Loisachtaler Bauernbühne und andere Darsteller brillieren mit intensivem Spiel und Präsenz: Ein Theaterabend, der wohl noch lange nachwirkt.
Fotos: Fenny Rosemann
































