Gedenken an die Bücherverbrennung
Künstlerische Plädoyers für Humanität und Toleranz
Von Peter Herrmann
Wolfratshausen, 11.5.2015 – Am 10. Mai 1933 wurden in 22 deutschen Universitätsstädten die Werke jüdischer, marxistischer und pazifistischer Schriftsteller in der Öffentlichkeit verbrannt. Genau 82 Jahre später trugen Schauspieler und Künstler Texte aus den verbrannten Büchern vor. Ergänzt mit musikalischen Beiträgen ergab das eine bewegende Kombination, die vier Stunden wie im Flug vergehen ließ. Der Erlös der ausverkauften Veranstaltung kommt dem Verein „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“ zugute, der am Kolpingplatz in Waldram ein Dokumentations- und Begegnungszentrum aufbauen möchte.
Große Bühne für Jung und Alt
2013 und 2014 kamen zahlreiche Besucher in die Geltinger Kulturbühne Hinterhalt, um der Bücherverbrennung zu gedenken. Grund genug für Wirtin Assunta Tammelleo und Sybille Krafft, die dritte Auflage in die wesentlich größere Loisachhalle zu verlegen.
Der von Yoshihisa Kinoshita geleitete Kinderchor der Musikschule eröffnete den Abend mit Liedern von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Bertolt Brecht.
Dr. Sybille Krafft, Assunta Tammelleo und der Schirmherr Prälat Dr. Lorenz Wolf sprachen die Grußworte. Schüler des Gymnasiums Schäftlarn begleiteten die Lesung der renommierten bayerischen Kabarettistin Maria Peschek, die einen Text der in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin Elisabeth Castonier vortrug. Auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime emigrierte die Autorin nach England.
Für den ersten musikalischen Höhepunkt des Abends sorgten der Ickinger Jazz-Saxofonist Klaus Doldinger, der Percussionist Biboul Darouiche und der Bassist Patrick Scales, die zwei Stücke von Kurt Weill eigenwillig interpretierten. Viel Applaus erhielt ein in bayerischer Tracht gekleideter Wolfratshauser Realschüler, der die Biografie eines am Starnberger See aufgewachsenen Schriftstellers in Form eines Ratespiels aufsagte. Die richtige Antwort – Oskar Maria Graf – wusste natürlich fast jeder der rund 700 Besucher.
Der von Claus Steigenberger vorgetragene Auszug „Aus dem Leben meiner Mutter“ vermochte das Publikum auch acht Jahrzehnte nach der Veröffentlichung noch in seinen Bann zu ziehen. Ebenso spannend waren die Biografien von Lion Feuchtwanger oder des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch, die mit spitzer Feder Diktatur und Willkür anprangerten. Hans Well von der ehemaligen Biermösl Blosn und der Ickinger Schriftsteller Jan Weiler erinnerten musikalisch und mündlich an die beiden Autoren.
Ausstellung „Die Kinder vom Lager Föhrenwald“ im Foyer
In der Pause bot sich den Zuschauern die Gelegenheit, die Bild- und Texttafeln der Wanderausstellung „Die Kinder vom Lager Föhrenwald“ zu betrachten. Schätzungsweise 10.000 Überlebende des Holocaust fanden nach dem Zweiten Weltkrieg für kurze oder längere Zeit in Föhrenwald – dem heutigen Waldram – eine neue Heimat. Der Ort gilt als größtes und am längsten bestehendes Lager für jüdische Flüchtlinge – sogenannte Displaced Persons (DPs) – in Deutschland. Als das Katholische Siedlungswerk 1956 die Häuser übernahm, wurde Föhrenwald in Waldram umbenannt. Das einst vom Abriss bedrohte ehemalige jüdische Badehaus am Kolpingplatz soll nun zu einem Erinnerungs- und Begegnungsort umgestaltet werden. Zwei Tage vor der Gedenklesung übereignete das Erzbischöfliche Ordinariat das Gebäude dem Verein „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“.
Fürsprecher des Waldramer Badehauses
Der mittlerweile 95-jährige Zeitzeuge Max Mannheimer würdigte das Engagement von Sybille Krafft, die als Vorsitzende der Bürger fürs Badehaus Waldram, in drei Jahren viel bewegt hat. „Das ist eine Powerfrau mit Niveau und Herz. Frau Krafft hätte einen Orden verdient“, forderte Mannheimer.
Beeindruckend waren die Lesungen von Gisela Schneeberger, Rachel Salamander, Peter Probst, Wolfgang Ramadan und Michael Skasa, sowie die von Josef Brustmann zu Liedern vertonten zwei Gedichte des Wiener Lyrikers Theodor Kramer.
In ungewohnter Rolle als Gitarrist und Sänger war Filmregisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt“, „Sommer in Orange“) zu erleben, der zusammen mit Gerd Baumann und Fany Kammerlander Gedichte der Lyrikerin Mascha Káleko musikalisch umsetzte. Mit den melancholischen Klarinetten-Klängen von Heini Zapf und dem Trio Zakk sowie einem von Assunta Tammelleo vorgetragenem Lied endete ein denkwürdiger Abend.















