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Historische Stadtführung Geretsried

Wanderung zwischen Bunkerruinen und Löschteichen

von Peter Herrmann

Geretsried, 1.12.2013 – Rund 40 historisch interessierte Bürger versammelten sich am Samstagnachmittag auf einem Parkplatz an der Sudetenstraße, um sich anschließend von Stadtführer Martin Walter die Geschichte von Bunkergebäuden, ehemaligen Munitionsfabriken und geheimnisvollen Gängen unter der Straße erklären zu lassen. Dabei konnten vor allem in dem Waldstück zwischen Jeschkenstraße und Tattenkofener Brücke versteckte Zeugen der Vergangenheit besichtigt werden.

Rüstungsstandorte im Geretsrieder Süden

Martin Walter, Mitglied des Arbeitskreises Historisches Geretsried, überlässt nichts dem Zufall. Vor dem Beginn der rund dreistündigen Besichtigungstour heftet er einen großen Gebäude-Altbestandsplan an eine Werbeplakattafel und erläutert in einer etwa 20-minütigen Einführung die Munitionswege sowie die Standorte von Rüstungsbetrieben in Geretsried. Damit ihn die Zuhörer in den hinteren Reihen verstehen können, spricht er über ein Mikrofon.

Walters Vater übersiedelte aus Sachsen-Anhalt in den deutschen Süden und war in einer Munitionsfabrik als Werksmeister beschäftigt

1938 begannen die Nationalsozialisten mit dem Bau von zwei Munitionsfabriken im damaligen Wolfratshauser Forst. Drei Jahre später wurde mit der Produktion in beiden Werken begonnen. „Allein im heutigen Stadtteil Stein waren rund 1.500 Arbeiter beschäftigt – darunter zahlreiche osteuropäische Deportierte und Fremdarbeiter“, so Walter. Sein Vater übersiedelte aus Sachsen-Anhalt in den deutschen Süden und war in einer Munitionsfabrik als Werksmeister beschäftigt. In dessen Aufzeichnungen wird unter anderem von französischen Fremdarbeiterinnen berichtet, die in den Pressenwerken Sprengladungen für Pioniere herstellten. „Die haben meinen Vater oft gefragt, wie viel sie denn verdienen würden, um sich die damals gerade erst eingeführten Lippenstifte leisten zu können“, berichtet Walter. Die ersten Stationen führen zu ehemaligen Pressbetrieben und Wohlfahrtsgebäuden, in denen sich die Arbeiter duschen konnten.

Stumme Zeugen im Wald

Durch einen bei den Schrebergärten an der Jeschkenstraße beginnenden Rollweg gelangt die Gruppe schließlich in den Wald. Denn zwischen der verlängerten Sudetenstraße, der Isar und der Jeschkenstraße befanden sich neben den Gebäuden des DSC-Kraftwerks rund 50 kleine Bunker, zwei überdachte Verladerampen, zwei Löschteiche und ein kleiner Sprengplatz. Die erste Bunkerruine ist bereits nach einem halben Kilometer erreicht. Interessiert schlüpfen die Teilnehmer durch einen Spalt in das Bunkerinnere. Dort, wo damals vermutlich Roh- und Sprengstoffe gelagert wurden,  befinden sich heute Hinterlassenschaften, die an spontane Gelage oder Übernachtungsgäste erinnern. Die amerikanischen Besatzungskräfte ließen fast alle Bunker durch die deutsche Firma Best sprengen. Im Gegensatz zu vielen größeren Bunkern der DSC-Rüstungsbetriebe wurden sie nicht enttarnt. Das Klettern auf die von Bäumen und Büschen bewachsenen Hügel stellt die mit festem Schuhwerk ausgestatten Führungsteilnehmer vor keine Probleme. Auf die Besichtigung der unterirdischen Gänge wird indes aus nachvollziehbaren Gründen verzichtet.  „Da stehst du zum Teil tief im Grundwasser und wirst ziemlich dreckig“, weiß Walter aus eigener Erfahrung. Zur Veranschaulichung zeigt er Fotos von seinen Expeditionen, die ihre abschreckende Wirkung nicht verfehlen.

Kohlekraftwerk mit enormem Dampfausstoß

Auf noch größeres Interesse stößt die Besichtigung der Überreste eines ehemaligen DSC- Kraftwerks. Betonsockel, die mit den Stutzen der abgeschweißten Eisenrohre versehen sind, weisen auf unterirdische Dampfleitungen hin. Denn die drei Kohlekraftwerke – zwei davon in Gartenberg –  waren miteinander durch eine Ringleitung verbunden, so dass bei dem Ausfall eines Kraftwerks die Strom- und Dampfversorgung für die Rüstungsbetriebe nicht zusammengebrochen wäre. Dabei diente der in den Kraftwerken hergestellte Dampf nicht nur zur Erzeugung von Strom, sondern auch zum Antrieb von Pumpen, zum Heizen von Gebäuden und für Fabrikationszwecke in den Trockenhäusern und Pressbetrieben. Über ein kilometerlanges oberirdisches Leitungsnetz wurde der Dampf bis in die entferntesten Bunker der Rüstungswerke geleitet. Die 16 Meter hohen Schlote der Kraftwerke konnten teleskopartig eingefahren werden. Im Falle eines Luftangriffs wurden die Anlagen deshalb nicht sofort wahrgenommen. „Zwischen 1941 und 1945 wurden hier insgesamt 83.000 Tonnen Kohle verbrannt. Auch der Wasserbedarf war enorm“, erklärte Walter. Zu den Anlagen des DSC-Kraftwerks gehörten ein Kessel- und ein Maschinenhaus, ein gesondert stehender einziehbarer Schlot, ein großes Wasserbecken, eine Pumpstation und ein Lokomotivschuppen. Durch eine Kleinbahn war das Kraftwerk mit dem Kohlelagerplatz verbunden, auf dem sich heute die Kompostieranlage der Stadt an der Jeschkenstraße befindet. „Der Zufahrtsverkehr fand damals fast ausschließlich über die Bahn statt. Lastwägen hätten mit ihren damals noch schwachen Motoren große Schwierigkeiten auf den kleinen und oft nicht asphaltierten Wegen gehabt“, so Walter. Den unvermutet idyllischen Abschluss der Besichtigungstour bildet der heutige Rohi-Weiher, der sich auf  dem Gelände des ehemaligen Kesselhauses befindet. Mit zahlreichen Eindrücken im Gepäck kehrt die Gruppe kurz vor der einsetzenden Dämmerung zum Ausgangstreffpunkt zurück.
Die nächste Führung wird voraussichtlich Ende März 2014 stattfinden.

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