Helmut Schleich und seine multiplen Persönlichkeiten brillieren in der Wolfratshauser Loisachhalle
Kabarettwahnsinn eines Besessenen
Von Claudia Koestler
Wolfratshausen, 4.11.2013 - Ja, so ist das mit den Geistern, die man einst rief: Sie wieder loszuwerden ist eine schwierige Sache. Seit Helmut Schleich den Strauß, den Franz Josef, so perfekt parodierte auf dem Nockherberg, hat sich die Figur immer mehr breit gemacht in Schleichs Leben. Und das Deja vu ist auch für´s Publikum nicht weit: Der Kopf zwischen die Schultern geklemmt, die Hände am Revers, stetig wippend und die scharfen Worte Staccato-artig herauspolternd. Es wirkte tatsächlich, als ob der leibhaftige Franz Josef Strauß von Helmut Schleich immer wieder Besitz ergreifen wollte, um seine politischen Erben abzuwatschen.
Schleich zeigte in der restlos ausverkauften Wolfratshauser Loisachhalle sein jüngstes Programm mit dem Titel "Nicht mit mir". Und war dabei nicht alleine: Denn mit ihm, besser gesagt, durch ihn bevölkerte nicht nur auch Strauß, sondern gleich ein ganzes Konglomerat an verflossenen und heutigen Politikern und Persönlichkeiten die Bühne. Das Ergebnis: Ein satirisches Sperrfeuer und ein kabarettistischer Gewaltakt, wie es intelligenter und schlagfertiger kaum sein konnte. Denn Schleich ist kein Verpackungskünstler, der flaue Inhalte folgen lässt. Seine bestens inszenierten Rollenspiele und mimischen Possenstücke, die ihn selbst an Schnelligkeit zu überholen schienen, zeugten von kritischem Geist und maliziösen Innenbeleuchtungen.
Rotzfreche Attacken auf die Welt an sich
"Nicht mit mir", die Parole des gemeinen Wutbürgers nahm er zum Anlass für seine bitterböse, gleichzeitig aber höchst unterhaltsame Gesellschaft- und Politikkritik. Denn bei der Parodie lässt es Schleich in seinem neuesten Programm nicht bewenden: Stattdessen nutzt er die Figuren, in die er schlüpft (oder die in ihn schlüpfen) für wortwitzige, teils rotzfreche Attacken auf die Welt an sich, die Politiker und andere Möchtegerne im Besonderen. Schleich nahm das Publikum, das zeitweise nur noch japsen konnte vor lauter Lachen, mit hinauf zu einer spritzigen, bitterbösen, aber furiosen Kabarettsternstunde. Und wie durch ein Panoptikum jagte er durch sein Programm voller Abrechnungen mit dem Zeitgeist und hohlen Politiker und Phrasen.
Gerade frisch "angereist von einer Demonstration zum Thema "Nicht mit mir", bei dem ich aber dann doch war", wie er eingangs erklärte. Um was es dort ging? Um all die Themen, die den Wutbürger von heute dauernd aufregen können: Politiker, Industrielle, den Euro, den Dings-Bonds, Ökostrom und Blasinstrumente, Handyspionage und Glutamat. Oder diese ganzen Coffee-Companies, die einen beim Bestellen eines Kaffees nach dem Geschmack fragen. „Cranberry oder Crusty Crunch Cream?“, wird da mit falschem Zahnpastalächeln geflötet, „Rindergulasch“, ätzt da der genervte Konsument Schleich zurück. Klar, dass man in einer solchen Welt gerne zum Nichtdenker würde: "Ich habe mich jetzt online bei "Opinion Scout 24" angemeldet", verriet Schleich dem Publikum in der komplett ausverkauften Loisachhalle. Die „App“ liefert Meinungen zu allen Themen, und je nach Voreinstellung der Gesamthaltung sei seine vorgefasste Meinung stets massenkompatibel. Klingt irgendwie nach heutiger Politik? Natürlich war da der Schritt nicht weit hin. Schleich las beispielsweise dem Publikum eine originale Mathematik-Aufgabe für den Übertritt an bayerische Realschulen vor - und zog damit gleichzeitig die Logik der bayerischen Schulpolitik ins Lächerliche. Bis sich natürlich Strauß wieder unverblümt ins Gespräch einmischte über die Polit-Pygmäen von heute: Für ein akzeptables Wahlergebnis sollten sich seine politischen Erben mal ein Beispiel am vatikanischen Konklave nehmen: „Da werden die Wähler eingesperrt, bis eine anständige Zweidrittel-Mehrheit beieinander ist“. Aber heute sei die CSU „zu einer grauen Brennsuppe verkommen, deren hilflose Politkarikaturen Charisma mit Karies verwechseln“, reüssierte Strauß etwa. Der getrocknete Schweiß seines Trachtenanzugs hätte ja einen höheren IQ gehabt als die heutige Riege seiner Partei. Haderthauer etwa: „Diese fehlgeleitete Ingolstädter Donauschnepfe brüstet sich gar öffentlich, dass ich nicht ihr Vorbild bin“, ließ der Strauß in Schleich wissen. „Was will sie dann in der CSU? Das ist ja, wie wenn ein Pfarrer sagt, mit Jesus hat er´s nicht so“. Und ein Tierarzt wie Marcel Huber mache im bayerischen Kabinett doch nur dann Sinn, „wenn der Ministerpräsident ein Rindvieh ist".
Doch Schleich war mit Strauß nicht alleine: Da uferte plötzlich der Leib noch etwas aus, glitt er in ein gefrorenes Lächeln hinein und kamen Sätze wie aus einer Nähmaschine gehaspelt: Ottfried Fischer wie er leibt und lebt. Doch das Typenkabarett kannte auch andere Figuren: Einen Wahrsager, der sagt, was war (jawohl, ohne „H“, denn er sagt nur, was in der Vergangenheit passiert ist), oder einen Seelenklemptner, der seine Weisheiten aus alten Schlagertexten zusammenklöppelt ("Wenn du gehst, dann geht nur ein Teil von dir!"). Oder der alternde adelige Opernsänger Heinrich von Horchen, der sich über die Dekadenz des heutigen Adels ausließ, speziell zu Guttenberg („den Kopierer, nicht den Drucker“): Was für ein Unsinn sei es doch gewesen, als Adeliger überhaupt nach einem Doktortitel zu streben. „Oder würden sie einen Dr. Ludwig den II Ernst nehmen? Oder einen Dr. Sonnenkönig?“ In der Figur eines Unterschichten-Bazis staunte Schleich außerdem noch über das Bildungsfernsehen und fieberte ekstatisch mit bei Bob Ross´ Malkurs, als Hobby-Eremit schwadronierte er über innere Emigration in der Ehe. Die Stimme plötzlich in salbungsvollen Höhen mischte sich auch noch Alt-Papst Benedikt ein, bei dem Schleich um einen Strauß-Exorzismus anfragte, um der kompletten feindlichen Übernahme zu entgehen. Am Ende dreht sich das Personenkarusell immer schneller, eine mutige, schonungslose und atemlos orchestrierte Kakophonie der Typen ohne Rücksicht auf Tabus oder weichgespültem Massengefallen. Ein erstaunlich dichter Abend voller Witz und Irrwitz, der unterhielt, aber genauso auch zum Nachdenken anregte. Stürmische Begeisterung und rasender Applaus.














