Neuer Kinofilm "Bavaria Vista Club"
Musikergeschichten aus Bayern
Von Andrea Weber
Seeshaupt, 14.6.2014, Filmemacher Walter Steffen sucht nach der Seele der Bayerischen Volksmusik und begegnet Musikern, die frei und locker mit Stilvielfalt und kultureller Integration umgehen, ohne ihre Wurzeln zu vergessen. Die Bayerische Musik öffnet Grenzen. Der neue Kinofilm „Bavaria Vista Club“ von Walter Steffen ist ein Low-Budget-Filmprojekt, das sich über Crowd Funding im Internet finanziert. Im Januar 2015 wird der Film in die bayerischen Kinos kommen.
Das wichtigste im Leben von Walter Steffen ist es, Menschen zu begegnen, um herauszufinden für was ihr Herz schlägt. Er dokumentiert ihre Geschichten über Brauchtum und Tradition. Steffen will mit seinem neuen Film ins Bewusstsein bringen, dass „heimische Kultur nicht mit dem Trachtengaufest endet.“ In seinem Büro in Seeshaupt am Starnberger See quillt derzeit der Schreibtisch über mit Recherchematerial, sein Terminplan ist lückenlos gefüllt. Er arbeitet an dem ersten Film der Reihe „Bavaria Vista Club“ – ein Low-Budget-Projekt, in dem es um die zeitgenössische Musikszene in Oberbayern geht.
Bis zu 15 Stunden dauert so ein Drehtag – viel Arbeit, die der gebürtige Oberstdorfer aber gerne macht. Es gab Zeiten, da war das nicht so. Nach der Hochschulreife 1975 studierte Steffen das Leben als Hüttenwirt, Hafenarbeiter, Trucker und Weltenbummler, und kam schließlich zum Film. Er schrieb Drehbücher für Fernsehspiele und -serien wie „Edel und Stark“ oder die „Rosenheim-Cops“. Zwar verdiente er gut, aber diese Arbeit machte ihn nicht glücklich. „Ich will keine Unterhaltung produzieren, die nur die Langeweile der Zuschauer füllt.“ Steffen stieg aus und betrieb mit seiner Frau einige Jahre ein Bistro mit Weinhandel in Seeshaupt.
Auf einer Ausstellung alter Traktoren kam ihm die Idee eines ersten eigenen Kino-Dokumentarfilms „Bulldogs“ (Kinostart 2008). Es geht darin um Landwirte und alte Höfe am Starnberger See. Es folgten weitere Dokumentarfilme über die Menschen aus der Region. „Netz&Würm“ von Fischern, „Zeug&Werk“ von Handwerkern, „Gradaus Daneben“ von Künstlern. Für diese Arbeit wurde er mit dem Tassilopreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet. Zu internationaler Anerkennung kam er mit „München in Indien“ und „Endstation Seeshaupt“.
Bemüht um Anerkennung Bayrischer Musik
Vor fünf Jahren traf Steffen den Münsinger Musikproduzenten Christoph Bühring-Uhle. Sie entwickelten die erste Idee zu einem Mundartmusikfilm. Bühring-Uhle hat viele bayerische Musiker in seinem Verlag BSC Musik unter Vertrag und bemüht sich um deren Anerkennung in der deutschen Musikszene. „Ich finde es im Moment sehr wichtig, dass wir die Mundartmusiker mit ihrem authentischen Bezug zur Tradition in einem Filmprojekt zeigen, bevor die Medien sie für Heimatsoundfestivals kommerziell umformen“, so der Verleger.
Sponsorensuche über Crowd Founding
Doch Kulturprojekte sind nicht leicht zu realisieren, das wissen auch Bühring-Uhle und Walter Steffen, die zurzeit eifrig Fördermittel akquirieren. Auch eine Low-Budget-Produktion kostet im Verhältnis viel Geld. Rund 100.000 Euro kommen für den Dreh, Schnitt, Tonstudio und Digitalisierung zusammen. Finanzielle Unterstützung seitens Filmförderung, Kommunen oder Landkreisen gibt es nicht. Knapp zehn Prozent hat die Heimatpflege des Bezirks Oberbayern zugesagt, weitere 16.000 Euro sind mindestens notwendig, damit die Dreharbeiten und die Postproduktion finanziell abgesichert sind. Dieser Betrag soll nun über „Crowd Funding“ generiert werden. Hier können private Sponsoren über das Internet mit kleinen Spenden unterstützen und bekommen einen materiellen Gegenwärt, zum Beispiel Downloads, CDs, T-Shirts. „In den USA wird das schon lange praktiziert“, weiß Steffen.
Schuaplattln und jodeln, jazzen und jammen – heute ist alles erlaubt
Von Harfenmusik bis Reggae, von Kelten-Rock bis Balkanpop – ungeniert, frech und kritisch sind die zeitgenössischen Musiker. Sie stehen zu ihren Wurzeln und sind offen für Einflüsse aus anderen Kulturen. Bayerische Musik verbindet Völker und öffnet Grenzen. Franz Himpsl von der Unterbiberger Hofmusik hat das so erfahren. Der ehemalige Lehrer und Musiker kennt die Zeit gut, als die Gastarbeiterfamilien ins Land kamen. „Mit den Italienern und Spaniern wollte man musizieren, bei den Muslimen war man zurückhaltend“, erinnert sich Himpsl. Er ist der Gründer der Unterbiberger Hofmusik, das Oberhaupt des Familien-Ensembles, das längst über Bayerns Grenzen hinaus bekannt geworden ist. Als sie das erste Mal die Türkei besuchten, erlebten sie wie über die Musik Freundschaften entstehen. „Musik ist eine emotionale Ebene, in der das Herz aufgeht“, sagt Himpsl. Ihn beeindruckt wie die türkische Bevölkerung ihr Liedgut bewahrt. „Sie kennen ihre Volkslieder und können sie mitsingen. Bei uns ist das nicht so.“ Himpsl lernt die türkische Sprache und bringt sich das traditionelle Instrument Saz bei. So zollt er dem Land am Bosporus seinen Respekt. „In der globalen Welt soll jeder zeigen woher er kommt, und darf keinem anderen Menschen seine Kultur nehmen.“
Unterhaltungsprogramm für den Fremdenverkehr
Der neue Kinofilm „Bavaria Vista Club“ zeigt die Musiker in ihrem privaten Umfeld, spannt aber auch einen Bogen von der Geschichte der Alpenländischen Musik in die Moderne. Musikhistoriker Andreas Koll aus München beschäftigt sich wie kaum ein anderer mit diesem Thema. Als Musiker erhielt er 1993 den Musikförderpreis der Stadt München, als Herausgeber von CDs zur Münchner Volkssängerunterhaltung wurde ihm die Medaille „München leuchtet“ verliehen. Koll erzählt im Film, wie 1800 der Fremdenverkehr in Bayern aufblühte und man nach Unterhaltungsprogrammen für die Urlaubsgäste suchte. „Schuaplattln und Jodeln wurde populär.“. So habe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das erste Trachtenmodengeschäft in Berlin eröffnet, weiß der Historiker. Man wollte richtig ausstaffiert nach Bayern reisen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätten sich Kabarettisten der Volksmusik bedient und später, nach der Machtergreifung Hitlers, die Nazis sie für ihre Interessen vereinnahmt. In den 1970igern seien dann junge Musiker gekommen, erzählt Koll weiter, die frei und vorurteilslos ihre eigene Version aus bayerischer Volksmusik machten – und das ist bis heute so geblieben.
Der Film „Bavaria Vista Club“ stellt die neue Generation der bayerischen Musiker vor: Schorsch Hampel aus München sagt über sich: „Blues ist meine musikalische Heimat, Bairisch meine sprachliche.“ Die Münchner „Zwirbeldirn“ mischen original Zwiefachen mit Latin-Rhythmus. Die Celtic-Rockband „Irxn“ hat sich der Mittelaltermusik und dem Folk verschrieben. Bluesbarde Williams „Wetsoxs“ aus Huglfing kann sich mit den farbigen Musikern aus den Staaten messen und Barbara Lexa aus Wolfratshausen jodelt in Japan. Die Münchner Band Zwoastoa macht bayerischen Ska. Wally Warning aus Aruba wuchs in München auf, er ist unter anderem Bühnenpartner von Musikpoet Wolfgang Ramadan.
Übrigens ist der „Bavaria Vista Club“ kein Musikclub, es ist der Begriff eines geistig-musikalischen Raums, der sich über alle bayerischen Regionen ausdehnt. Das Finale der Drehaufnahmen findet am 22. Juni während eines Livekonzerts auf der Kreutalm statt, dort stehen sie dann alle gemeinsam auf der Freilichtbühne vor der grandiosen Kulisse des Voralpenlands.
Weitere Informationen
Fotos: Walter Steffen, BSC Music, Andreas Koll, Unterbiberger Hofmusik










