Kocherlball zum 100. Jubiläum des Tölzer Kurhauses
Tanz im Morgentau
Von Claudia Koestler
Bad Tölz, 16.6.2014 – Eine außerordentlich beglückende Veranstaltung und ein Überraschungserfolg ist der Stadt Bad Tölz am vergangenen Sonntag mit der Premiere des „Kocherlballs“ gelungen. Weit über 100 Besucher bewiesen sich als Frühaufsteher und strömten ab sechs Uhr morgens zu der urbayerischen Tanzveranstaltung am Tölzer Kurhaus. In München ist die Wiederbelebung des Balls bereits 1989 geglückt und lockt seither Zehntausende an, die sich jährlich unterm Chinesischen Turm drehen und walzen. Um den 100. Geburtstag des altehrwürdigen und illustren Prachtbaus von Gabriel von Seidl, nämlich das Tölzer Kurhaus, gebührend zu feiern, griff nun am Sonntag auch die Stadt Bad Tölz die Tradition eines „Kocherlballs“ auf.
Seine Ursprünge hat der „Kocherlball“ im 19. Jahrhundert. In jenen Tagen hatten die sogenannten „Kocherl“, also das Küchenpersonal, die Dienstmägde und Diener, tatsächlich nur in aller Herrgottsfrühe Zeit, sich ihrem Privatvergnügen hinzugeben und einen Ball zu besuchen. Weil sie wieder arbeiten mussten, wenn ihre Herrschaften aus der Kirche kamen, tanzte das Personal eben frühmorgens in den Tag.
Tanzen wie anno dazumal
Angeleitet wurden die tanzlustigen Gäste von Tanzmeister Hans Irger, für die Musik mit Sternpolka, Zwiefachem, Siebenschritt und anderen echten Volkstänzen sorgte die Gruppe "Musicanti Bavaresi" unter der Leitung von Franz Mayrhofer.
Viele der Gäste kamen verkleidet als Kocherl, Hausdienstboten, im alten Bürgergwand oder in Tracht. Doch auch wer kein Spitzenschürzl oder Häuberl, blumengeschmückten Strohhut oder Zylinder aufgetrieben hatte, war beim Kocherlball herzlich willkommen. Allein die Freud' an authentischem Volkstanz und Volksmusik zählte. So hieß es flott "auf geht´s" für die Besucher und jede Müdigkeit war sofort dahin: Eine bunte Menge von rund 70 Tänzerinnen und Tänzern folgte Irger auf die Tanzfläche, drehte sich, formierte Zug und Gegenzug, Viererketten und Achterreihen zu so vielversprechenden Liedern wie „Glückliche Herzen“ oder „Vergnügungszug“. „Wir dachten, das ist etwas, das gut hier reinpasst. Früher tanzten hier die Kurgäste, heute beleben wir eine Tradition neu“, begrüßte der Zweite Bürgermeister Andreas Wiedemann die Besucher, als erstmals Zeit war für Kaffee, Brotzeit und einen Ratsch an den Biertischen ringsum, die mit Spitzendecken, Kerzenleuchter und Blümchengschirr stilecht eingedeckt waren.
Offenbar eine Tradition, die Zukunft hat
Schon in der nächsten Runde konnten sich auch diejenigen, die anfangs noch von den Sesseln unter den Arkaden aus die Szenerie beäugt hatten, dem Rhythmus nicht mehr entziehen. Selbst eine Kollegin der schreibenden Zunft, eigentlich in beruflicher Beobachterposition unterwegs, wurde aufgefordert und wirbelte fortan selbst übers Parkett.
„I gfrei mi so“, sagte Mayrhofer, der mit seiner Gruppe für virtuosen Schwung sorgte. Denn es sei „eine absolute Freude, Unterhaltungsqualitäten von früher heute wieder aufleben zu lassen“, sagte er. Rund eineinhalb Stunden später sind aus den anfänglich 70 Tänzern längst an die 100 geworden, darunter auch Landrat Josef Niedermaier mit Frau Andrea. Sie hätte ihn an diesem Morgen „aus dem Bett geschmissen und gesagt, wir gehen zum Kocherlball. Aber ist man erst einmal drin im Schwung, dann geht’s“, sagte er augenzwinkernd, war er doch mit sichtlicher Freude auf dem Parkett unterwegs. Christina Dahms hingegen wollte „immer schon mal auf den Münchner Kocherlball, habe es aber nie geschafft“. Deswegen war klar, „wenn so was schon vor der Haustüre stattfindet, dann gehen wir da hin“, sagte die Tölzerin. Marlies Woisetschläger aus Königsdorf fiel auf mit ihrer stilechten Küchenmädchen-Haube und passendem Gewand: „Man muss Rollen auch mal füllen“, erklärte sie die passende Kleidung für den Ball. „Super“, war ihre Bilanz über die Veranstaltung: „Die Atmosphäre ist einfach wunderbar.“
„Simply magical“ - „einfach magisch“
Das wiedererweckte bayerische Brauchtum am Tölzer Kurhaus lockte sogar Gäste von weiter weg an: Ralf und Magdalena Militzer sowie Erika Rabeler, Kurgäste aus Hamburg, waren „ganz entzückt“ über das, was sie da sahen: „Das ist Leben pur, reizend und wunderschön“. So verlockend gar, dass Militzers nicht widerstehen konnten und selbst mittanzten bei Dreher, Boarischem und Kuckuckspolka. "Exotisch" sei der Anblick durchaus, kommentierte Julie Kahn aus South Salida in Kalifornien. Doch das im ausgesprochen positiven Sinne: Für sie war die Veranstaltung „simply magical“, also „einfach magisch“. Kein Wunder, denn das hätte tatsächlich auch keine PR-Firma wirksamer inszenieren können: Im Laufe des Morgens tauchte die Sonne das prachtvolle Kurhaus immer mehr in strahlendes Licht, darüber lockte der blaue Himmel, Vögel zwitscherten, die perfekte Kulisse für ein gesellschaftliches Ereignis, bei der sich zur virtuosen Musik der "Musicanti Bavaresi" und der humorvollen Leitung von Tanzmeister Irger begeisterte Tanzpaare und Tanzneulinge zu Walzer, Polka und Münchner Francaise drehten.
Welche Attraktion diese Veranstaltung auch touristisch war, erkannte beispielsweise Claudia Stampfer, die in einer Tölzer Pension arbeitet und ihren Gästen den Besuch uneingeschränkt ans Herz legen würde: „Das hat eine wahnsinnig schöne Atmosphäre, es ist vor allem so echt“. Darauf passte das Urteil, das Georg Eibl zog: „Oiso, i kimm wieder.“ Und jeder, der beim ersten Tölzer Kocherlball dabei war, wünschte sich, dass er nicht der letzte gewesen sein darf. So war etwa Woisetschlägers Fazit: "Hier hat eine neue Tradition begonnen, der Tölzer Kocherlball muss eine Fortsetzung finden". Und damit hatte sie eine Antwort gegeben, die jeder weitere Angesprochene auf dem Ball so oder ähnlich gab.









