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Benediktbeuern

Leonhardifahrt in Benediktbeuern

Von Barbara Semelka

Benediktbeuern, 2. November 2013 - Die Frömmigkeit ist nicht aufgesetzt bei der nunmehr 132. Leonhardifahrt in Benediktbeuern: Es wird auf den festlich geschmückten Wagen nicht geschnapselt und geratscht, sondern gebetet. Eine Stunde lang. So lange, bis die 50 Gespanne mit fast 250 Pferden an den vielen grüßenden Zuschauern vorbei durch die Dorfstraße mit ihren schönen alten Bauernhäusern und immer noch blühenden Vorgärten gezogen und von Pfarrern beim Einzug in den Klosterhof gesegnet werden. Erst dann lüften die Frauen das Geheimnis ihrer Basttaschen, aus denen selbstgemachte Liköre und Schnäpse aber auch feines Gebäck an Freunde und Bekannte gereicht werden.

Vielleicht hatte deshalb der Himmel ein Einsehen, und bescherte beim Hinzug der Wallfahrt, die laut Sabine Rauscher von der Gästeinformation zu einer der größten ihrer Art in Bayern zählt, aufgelockerte Bewölkung und trockenes Wetter. Eine gute Gelegenheit für die Zaungäste, die historischen und neuen Dirndl, die bis zu drei Kilo schweren Schnürhüte der Frauen, die imposanten aber leichteren Otterfellmützen und die farbenfrohen Krandl der Mädchen, den Silberschmuck am Hals und an Miedern, Kassetl und Schalks von Schwestern, Müttern, Tanten und Großmüttern und natürlich die festlich geschmückten Wagen, die herausgeputzten Kaltblutpferde und einige Haflinger zu grüßen und ausgiebig zu fotografieren.

„Das ist immer ein richtiges Familien- und Freundestreffen“,

Doch kurz vor der feierlichen Wallfahrtsmesse mit dem emeritierten Weihbischof Engelbert Sieber von der Erzdiözese München und Freising in der Basilika des Klosters kam heftiger Wind und Regen auf. Doch Tausende von Zuschauern und Wallfahrern fanden Schutz unter den Arkaden und es schien, als kenne jeder jeden. „Das ist immer ein richtiges Familien- und Freundestreffen“, sagte Anastasia Frey aus Antdorf. Die junge Frau in feschem, knöchellangem Dirndl ist Mitglied bei der Plattlergruppe und außerdem gelernte Konditorin. Sie bestätigte, dass es bei Leonhardi in Benediktbeuern – anders als in Bad Tölz – kein Alkoholproblem gibt. „Auf den Wagen wird gebetet und sonst nichts“, sagte Frey und fügte schmunzelnd hinzu, dass nach der Fahrt allerdings eine Stärkung erlaubt sei. Sie hatte selbstangesetzte Liköre mitgebracht, vor allem aber ihr unglaublich gutes Gebäck und ihre Pralinen und es schien, dass sie alle kennen. Denn sie wurde gar mit „Habe die Ehre“ oder „Grüaß die Staserl“  bedacht, das sie dann prompt mit ihren Verführungen belohnte. Der heftige Regen ließ aber nicht nur die Leute enger zusammen rücken, er sorgte auch leider dafür, dass die Farbenpracht der Gewänder und der kostbaren Hüte flugs unter Hauben aus Plastik verschwinden mussten. Auch die Pferde, die durch Augenrollen und heftiges Scharren mit den Hufen ihrem Unbehagen Luft machten, wurden mit Decken gewärmt, und ihr prachtvoller Schmuck, die silbernen Schellen und Glocken ebenfalls eingehüllt: Plastik statt blank gestriegelte Pferderücken und dezent-farbiger Dirndl. Nur die Filzhüte und Trachtenjanker der Buben und Männer trotzten Wind und Wetter.

Selbstgenähte Otterfellmützen und reich verzierte Krandl

Den Otterfellmützen der Familie Wolf aus Pessenbach machte der ebenfalls Regen nichts aus. „Die werden rasch trocken und sehen nach kräftigen Schütteln aus wie neu“, stellte Stefan Wolf fest. Er ist nicht nur Fachmann in Sachen Tracht und Dirndl, er fertigt sie auch für seine Familie und Freude an. Er sei Autodidakt und lege Wert darauf, dass die Dirndl historischen Gewändern nachempfunden und nicht neumodisch verkitscht würden. Wolf näht selbst die Otterfellmützen oder reich verzierte Krandl – eine Art Krönchen- für Mädchen an. Und noch eine Gruppe fällt auf: die Trombini aus dem Lessinia-Tal nördlich von Verona. Mit ihren gelb-grün-roten Phantasietrachten und ihren 40 Kilogramm schweren Vorderladern aus Nussbaumholz und Messing sind sie zwar kein aktiver Teil der Leonhardifahrt, aber seit vielen Jahren gern gesehene und gefeierte Gäste. Und das kam so: Vor etwa 1000 Jahren wanderten auch einige Benediktbeuerer Familien nach Norditalien aus, gründeten die sogenannten 13 und 7 Communi und sprachen lange sehr altes Bayerisch, nämlich zimbrisch. Das beherrscht Bruno Corradi aus San Bortolo nicht, wie er sagte. Doch die Tradition mit den mobilen Böllerkanonen, die hätte sich bis heute gehalten. Eine Kostprobe von der Wucht der Hand-Kanonen konnten Wallfahrer und Zuschauer am Nachmittag hören. Leonhardifahrten seien nicht eingeführt worden im Lessiniatal, so Corradi. Deshalb würden sich die Zimbern jedes Jahr auf die Tradition in Benediktbeuern freuen.

Drei Wochen lang werden Girlanden und Blumen gebunden

Anders als in Tölz, fahren hier nicht ausschließlich bemalte Tafelwagen, sondern ganz einfache Leiterwagen, für die Frauen drei Wochen lang Girlanden und Blumen binden, oder aber Motivwagen, die die Arbeit auf der Alm oder auf dem Bauernhof nachempfinden oder die Wallfahrt auf dem See. Die Gespanne kamen wie immer aus dem ganzen Oberland und es war auch eines dabei, das man vom Wiesn-Festzug kennt: die vier riesigen Rappen des Hofbräuhauses mit silbernen Maulkörben , Schellen und reich verzierten Jochs, die zwar über 25 Kilogramm wiegen, wie Gespannführer Sepp Pritzl und Anton Sterff, Hufschmied und Pferdewirt aus Deisenhofen, verrieten, aber den 850 Kilo schweren Kaltblutpferden nichts ausmachten. Die Tiere würden ab dem dritten Lebensjahr Zug um Zug an Geschirr sowie Peitschenknallen und Glockengeläute gewöhnt. „Wenn sie besonders sorgfältig gestriegelt und ihr Schmuck gewienert wird, sind sie ganz aufgedreht und sie wissen, es steht wieder etwas bevor“, sagte Pritzl.

Die alljährliche Leonhardifahrt und die priesterliche Segnung ist der wichtigste Termin

Dass alle Pferde den Trubel mit Peitschenknallen, Musik von Kapellen aus Schlehdorf, Sindelsdorf und Benediktbeuern aber auch die Goaßlschnalzer aus Benediktbeuern aushalten, dafür sorgen die Züchter und Halter im Oberland, die ihre Tiere aber auch beim Holzfällen einsetzen. Eine für Mensch und Tier gefährliche Arbeit und die alljährliche Leonhardifahrt und die priesterliche Segnung ist deshalb der wichtigste Termin. Da sind sich die stolzen Pferdebesitzer und ihre Familien einig.