Das Magazin für das Bayerische Oberland

Lesung mit Miroslav Nemec in der Loisachhalle Wolfratshausen

Ein Kaffeehaus-Kellner, Charmeur und Bösewicht

Von Claudia Koestler

Wolfratshausen, 2.3.2015 - Es gibt diesen bekannten Spruch: „Wer bin und wenn ja, wie viele?” Am Samstagabend fühlte sich so mancher an diesen Spruch erinnert, als der bekannte Schauspieler Miroslav Nemec in der Wolfratshauser Loisachhalle auftrat. Der Mime, der den meisten wohl durch seine Rolle als Tatort-Kommissar Batic geläufig ist, gestaltete dabei einen literarisch-musikalischen Abend unter dem Titel „Nemec’ Platz bitte“ und las dabei aus seiner vor kurzem erschienenen Biografie „Miroslav Jugoslav“.

Mit sonorer Stimme und raumgreifenden Schritten plauderte er, erzählte, deklamierte, rezitierte und musizierte. Und das so facettenreich und episodenhaft, dass er vor allem eines belegte: Seine schauspielerischen, sängerischen und kompositorischen Möglichkeiten wie auch seine Energien, wenn es darum geht, zu unterhalten. Ob er nun mit Wiener Singsang jedem Caféhaus-Kellner das Wasser reichen, mit seinem Lachen ebenso Charmeur wie Bösewicht verkörperte, einfach nur mit dem Publikum plauderte wie im Zentrum einer Kaffeehauskultur, zart beseelter, sehnsuchtsvoller Sänger am Klavier war oder ein feuriger Musiker an der Gitarre: Miroslav Nemec verkörpert all jene Möglichkeiten, zumindest an diesem Samstagabend im Foyer der Loisachhalle.

„Im Fass gereift, wer kann das schon von sich behaupten?”
Allzu viel Staatstragendes oder auch Biografisches servierte er dabei nicht: In Wolfratshausen verlegte sich Nemec mehr auf einen generellen, unterhaltsamen Abend mit vielen Witzeleien, garniert mit wenigen, sprunghaften Episoden aus seinem Werdegang, umrahmt von bewegenden, teils mitreißenden, immer aber hervorragenden Musikdarbietungen. Nemec ist ein erklärter Freund von Aphorismen, Verballhornungen und Sprüchen, von denen er an diesem Abend viele verteilte, auch, weil sie einst genauso als Buchtitel in Frage gekommen wären wie „Miroslav Jugoslav“: „Bis es Euch gefällt” etwa, oder „Denn sie müssen nicht, was sie tun”. Weil er aber ein Jugendbild von sich in einem Fass sitzend fand, das nun den Buchrücken ziert, passte ein anderer Spruch eines befreundeten Wirtes noch besser: „Im Fass gereift, wer kann das schon von sich behaupten?” steht nun unter dem Bild.

Tatsächlich sei Nemec´s Leben durch Sprüche und Brüche geprägt worden, sagte er. Die Familie in Jugoslawien etwa sei ein nie versiegender Quell für Ersteres gewesen, wo man mit galligem Humor dem sozialistischen Regime begegnete. Kostprobe? Über den damaligen Geheimdienstchef kursierte der Witz, man sei ihm und seiner Frau endlich auf der Spur. Verraten habe sie die Parole „Nieder mit Tito“ im Schnee mit Urin geschrieben – und mit ihrer Handschrift.

„Mach es, Dein Vater hat auch nie viel verdient”
Nemec` Vater, ein Buchprüfer aus Zagreb, steht bei ihm heute für den eher lauteren, geselligen, trunkfreudigen Teil der Familie, die Mutter, von der Insel Krk stammend, eher für den sanfteren, sehnsuchtsvollen. Prägungen, die Nemec insbesondere musikalisch hervorragend auslebt. Wie es Nemec allerdings in diverse europäische Länder verschlug, über Österreich und die Schweiz bis nach Deutschland, riss er an diesem Abend nur kurz an – das bleibt im Buch nachzulesen. Nur soviel: Nemec kam zu Verwandten nach Bayern, das Gymnasium im Traunstein beendete er zwar nicht, wurde aber dennoch am Mozarteum zum Musikstudium zugelassen. 1973 kam für ihn die entscheidende Wende: Seine damalige Freundin wollte Schauspielerin werden, er machte ihre Prüfung mit und wurde in Zürich tatsächlich angenommen. Die Mutter kommentierte das so: „Mach es, Dein Vater hat auch nie viel verdient.”

In der Welt des Theaters fand er wiederum viele Schnurren und Witze, die er dem Wolfratshauser Publikum genüsslich erzählte: „Unterhalten sich zwei Haifische: Du, ich schwamm kürzlich hinterm Traumschiff her, da fiel ein Schauspieler ins Wasser, der war ein toller Fang: kein Rückgrat, aber eine riesen Leber.” Oder der Witz, wenn sich zwei Schauspieler treffen: „Du, ich hab´ dich neulich in der Straßenbahn gesehen. -Und, wie war ich?” Natürlich durfte auch die spitze Zunge einer Theaterdiva über eine andere nicht fehlen: „Das ist die also? Die ist ja noch schlechter als ich sie find!”

Und Nemec ließ auch immer wieder durchblitzen, jene Literaten und Persönlichkeiten, denen er sich verbunden fühlt und deren Werke er gerne zitiert: Der der Sprachexpermimentierer, Klang- und Lautmaler Ernst Jandl etwa oder der Literat H. C. Artmann, der im schönsten Wiener Dialekt Blutrünstiges, Herzergreifendes und Gesellschaftskritisches auf´s Brot streichen konnte. Dazu servierte Nemec musikalische Schmankerl, etwa von Rio Reiser oder das schräge „Schnucki in Kentucky“.

Nemec bewies folglich seinen Facettenreichtum, seine Vielseitigkeit, Musikalität und seine Unterhaltungsqualitäten und vermittelte auch ganz nebenbei etwas Wichtiges: Dass unterschiedliche Herkünfte, Wurzeln und Prägungen bereichern, nicht beengen, und zwar eine Gesellschaft genauso wie jeden einzelnen. Man muss nur mit genügend Verve etwas daraus machen. Mit einer fulminant dargebotenen Persiflage des Liedes „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins”, das er und sein „Tatort“-Kollege Udo Wachtveitl einst auf die Krimiserie und die Sendeanstalt ummünzten, endete der Abend, das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus.

Fotos: Claudia Koestler