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Das „Bairische Welttheater“ auf dem Heiligen Berg – Interview mit Marcus Everding

Carl Orff-Festspiele Andechs

Was macht die Musik von Carl Orff so außergewöhnlich und warum hat man als Festspielort das Kloster Andechs ausgewählt? Oberland.de traf den künstlerischen Leiter Marcus Everding zu einem Gespräch auf dem berühmten, heiligen Berg nahe des Ammersees.

Oberland.de: Herr Everding, warum sollte man die Orff-Festspiele gerade hier auf Kloster Andechs erleben?

Marcus Everding: Die Verbindung von Carl Orff zu Kloster Andechs war in den letzten 25 Jahren seines Lebens – vorsichtig ausgedrückt – intensiv. Er war oft hier und hielt eine enge Beziehung zum Konvent. Und nicht zu vergessen, Kloster Andechs wurde von Herzog Albrecht III. gegründet, einer der Titelfiguren der „Bernauerin“. (Anm. d. Red.: „Die Bernauerin“ ist ein bayerisches Musiktheaterstück von Carl Orff.)

Dieser Ort zieht in seinen Bann.

Mit Sicherheit ist das ein spezieller Ort. Wer hier drei Monate am Stück ist, ist ein anderer Mensch. Es ist ein heiliger Berg und es gibt einen Geist hier, den kann man spüren. Im Vergleich zu anderen Festspielorten, die extra dafür gebaut werden, ist der Florian-Stadl ein alter, restaurierter Heustadl mit einer gewaltigen Balkenkonstruktion, aus dem ein wunderbarer Theaterraum gemacht worden ist. Und natürlich ist dieser Festspielort etwas Besonderes, weil Carl Orff hier begraben ist. Wo haben Sie Aufführungsstätte und Begräbnisort nebeneinander?

Inspiriert Sie diese spirituelle Umgebung bei ihrer Arbeit als künstlerischer Leiter der Festspiele?

Ja, natürlich. Es ist eine ganz andere Art konzentriert zu arbeiten. Ich wohne über die Dauer der Festspielvorbereitungen hier, wie auch die Solisten und das Sänger-Ensemble. Wenn ich morgens in meiner Zelle aufwache, mit einem Bett, nur einem Stuhl und einer Bibel, wir später alle im Gästerefektorium zusammen frühstücken, den ganzen Tag gemeinsam Proben und abends nochmal über alles reden, ja, das ist eine Form von starkem Zusammensein.

Was macht die Musik von Orff so einzigartig?

Carl Orff war ein sehr gläubiger Mensch, dessen Werk deutlich von Philosophisch-Religiösem geprägt ist. Zusammen mit politischen Aspekten rundet sich sein Opus zu großer theatralischer Bedeutung. Orff hat sich mit volkstümlichen und märchenhaften Stoffen aus der bayerischen Historie beschäftigt. Deshalb nannte er ja einige seiner Stücke das „Bairische Welttheater“.

Carl Orff war bis in die Siebziger ein extrem erfolgreicher Komponist. Wissen Sie, dass „Die Kluge“ zu den meistgespielten deutschsprachigen Musiktheaterwerken gehört? Orff ist nie in Vergessenheit geraten, jeder kann die Carmina Burana mitpfeifen, aber das war es dann leider auch schon. Orff ist ein moderner Komponist der niemanden verschreckt. Er wollte schichtenfreies Theater machen, das heißt, jedermann erreichen. Orff wollte, dass Aufführungen seiner Werke keiner Musikwissenschaftsanstalt gleichen. Und er hat sich mit seinen pädagogischen Arbeiten, wie dem Orffschen Schulwerk, immer dafür eingesetzt, dass Musik von den jungen Menschen angenommen wird. Orff war alles, nur kein Dogmatiker.

Sie haben Carl Orff persönlich gekannt? Hat diese Begegnung Sie geprägt?

Carl Orff besuchte uns oft zuhause, mein Vater August Everding hat ja Aufführungen von ihm gemacht. Orff saß bei uns mit seiner Meerschaumpfeife auf der Terrasse. Ich habe ihm mit der Blockflöte vorgespielt und der Meister hat sich das angehört.

Meine Brüder und ich haben uns als Kinder immer und immer wieder „Die Kluge“ auf der Langspielplatte angehört und dann sieht man den, der das geschrieben hat, das fanden wir natürlich aufregend. Als ich zum ersten Mal „Die Bernauerin“ hörte, hat mich Orffs Sprache selbst sprachlich nachhaltig geprägt. Ich als Theatermacher bewundere diesen Theaterkönner. Sein enormes Wissen um die theatralische Dramaturgie ist frappant. 

Carl Orff hat sich magische Bilder für die „Carmina Burana“ gewünscht. Sie haben seinen Wunsch nun umgesetzt, wie?

Ich versuche diesen Wunsch umzusetzen und arbeite gerade an einer eigenen Lichtregie. Orffs Ursprungsgedanke, der technische Mittel neuerer Art gerne einsetzte, waren Assoziationsfilme auf Leinwand, sowas wie Farbspektren zur Musik. Er nannte das „Magische Bilder“. Er wollte ein größeres Erlebnis schaffen, als nur den Gesang als solchen. Ich versuche das mit Scheinwerferlicht umzusetzen und eine eigene Welt zu inszenieren. Beispiel: Den Chor in blutrotes Licht zu tauchen.

Zum Abschluss: Was möchten Sie, dass die Festspiel-Besucher mitnehmen können?

Ich bin nicht nur hier, weil mir die Klosteratmosphäre gefällt, sondern ich möchte Menschen, die ins Theater kommen, etwas erzählen. Das mache ich seit 19 Jahren. Und mit welchem Werk kann ich das am besten? Mit Orff, denn er ist ein eminent politischer Komponist, ein solcher, der hinterfragt. Er ist ein politischer Mensch, ohne politische Positionen zu beziehen. „Die Kluge“ ist ein beispielhaftes Werk dafür. Dieses Festival ist ein Gesamtkunstwerk, wenn Sie das so wollen: Wir haben den Chor, wir haben die Andechser ORFF-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters, unseren Kabarettisten Christian „Fonsi“ Springer, der im vergangenen Jahr bereits mitmachte und heuer wieder dabei sein wollte. Nein es ist kein Kessel Buntes, sondern wir haben verschiedene künstlerische Aspekte, die sich zu einem ganzen zusammenfügen. Ja, das Programmangebot der Orff-Festspiele ist eine Vielfältigkeit, die man nicht mit Beliebigkeit verwechseln darf.

Das Interview führten Andrea Weber und Fenny Rosemann.

Termine und Programm der Carl Orff-Festspiele in Andechs finden Sie unter www.carl-orff-festspiele.de
Carl Orff-Festspiele Andechs
28. Mai bis 7. August 2011
Eintrittskarten +49 8152 376 400