Franz Marc Museum, Kochel am See
Neuzugang in der Sammlung: Franz Marc, Verschneiter Wald (1909)
Kochel am See, 27.12.2025 (red) - Mit Verschneiter Wald (1909) erweitert das Franz Marc Museum in Kochel am See seine Sammlung um ein Schlüsselwerk aus Marcs früher Schaffensphase. Das Gemälde war bereits in der ersten Ausstellung des Künstlers in der Münchner Kunsthandlung Brakl zu sehen und lässt in seiner verdichteten, existenziell aufgeladenen Naturauffassung und der expressiven Farbigkeit Marcs Bewunderung für Edvard Munch deutlich werden.
Franz Marc (1880–1916) zählt zu den prägenden Figuren des deutschen Expressionismus
Seine außergewöhnliche künstlerische Begabung und sein früher Tod im Ersten Weltkrieg haben maßgeblich zu seiner Mythisierung beigetragen. Als Marc 1916 im Alter von nur 36 Jahren bei Verdun fällt, ist seine herausragende Bedeutung für den Blauen Reiter und für die Kunst der Moderne bereits etabliert. Die Grundlagen dafür werden jedoch in den Jahren zuvor gelegt, insbesondere zwischen 1909 und 1911. In dieser Phase entwickelt Marc über Tier- und Landschaftsdarstellungen eine eigene Motivik, in der Natur als idealisierte, zugleich aber fragile Einheit von Tier- und Pflanzenwelt erscheint. Die Malerei löst sich zunehmend von der naturalistischen Wiedergabe und folgt stattdessen einer inneren, geistigen Ordnung. Ein Entscheidender Schritt ist dabei die Abkehr von der Gegenstandsfarbe zugunsten einer autonomen Ausdrucksfarbe, die nicht mehr an das Sichtbare gebunden ist, sondern dem künstlerischen Ausdruckswillen folgt.
Verschneiter Wald nimmt innerhalb dieser Entwicklung eine Schlüsselstellung ein. Das Gemälde zeigt keinen weiten Landschaftsraum, sondern einen stark verdichteten, nahsichtigen Ausschnitt eines winterlichen Waldes. In expressiv pastelligen Farbwerten setzt Marc hellgrüne und violette Baumstämme gegen das strahlende Weiß des Schnees. Durch die extreme Nähe zum Motiv und die ausgeprägte Ausschnitthaftigkeit entsteht ein dynamisches Liniengefüge, das die Grenze zwischen Figuration und Abstraktion bereits deutlich überschreitet. Die Natur erscheint nicht als ruhiger Rückzugsort, sondern als vibrierender, innerlich aufgeladener Raum.
In dieser gesteigerten Expressivität wird Marcs intensive Rezeption der zeitgenössischen Moderne spürbar. Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Werk Edvard Munchs wirkt hier prägend. Wie bei Munch wird Natur nicht als äußerer Schauplatz verstanden, sondern als Projektionsfläche innerer Zustände. Diese künstlerische Haltung – weniger als stilistisches Vorbild denn als geistige Nähe – lässt sich in der emotionalen Verdichtung und der eigenständigen Farbdramaturgie von Verschneiter Wald klar nachvollziehen.
Ein Schlüsselwerk aus dem Frühwerk
„Wir sind unglaublich dankbar, dass wir mit Verschneiter Wald ein Schlüsselwerk aus dem Frühwerk von Franz Marc in die Sammlung aufnehmen können. Es verdichtet auf eindrucksvolle Weise seine frühe Suche nach einer eigenständigen Bildsprache und macht zugleich die internationalen Impulse seiner Kunst, insbesondere die Nähe zu Edvard Munch, unmittelbar erfahrbar“, sagt Jessica Keilholz-Busch, Direktorin des Franz Marc Museums.
Der Neuzugang erlaubt es, die Jahre 1909 und 1910 als formative Übergangsphase im Œuvre von Franz Marc neu zu bewerten. Gerade diese frühen Landschaften und Tierdarstellungen bilden die Voraussetzung für die ikonischen Werke des Künstlers, etwa die berühmten Pferdebilder ab 1910, in denen Marc seine progressivste und heute bekannteste Bildsprache entfaltet.
Foto: Franz Marc Museum





