Gesang der Geister am Ickinger Rathausplatz
Text und Foto von Andrea Weber
An einem Wandrelief zwischen dem Ickinger Rathaus und dem Feuerwehrhaus, direkt neben dem Aufgang zur S-Bahn, soll künftig sanft und beharrlich Wasser über Steinschalen plätschern. „Die Idee kam mir im Gedanken an eine Quelle“, sagt Sophia Hößle und zeigt bei einem Besuch in ihrem Atelier auf ein Modell aus Pappe und Holz. Hößle wurde als einheimische Künstlerin eingeladen am Wettbewerb um den Dorfbrunnen für den neugestalteten Ickinger Rathausplatz mitzuwirken. Im November fiel die Entscheidung für ihren Entwurf. Ab kommendem Frühjahr will sich die Bildhauerin aus Irschenhausen ans Werk zur Realisierung machen.
Sophia Hößles Brunnenkonzept lässt an den Isar-Ursprung im Karwendelgebiet denken, wo das Quellwasser aus dem Wiesenboden sprudelt und sich hangabwärts vom Rinnsal zum Fluss kumuliert. Bei ihrem Brunnenkonzept fließt das Wasser über Steinschalen und verdeckt wie ein transparenter Store die Lettern einer Strophe aus Goethes Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“, die auf das rückwärtige Steinrelief gemeißelt sind. So will die Künstlerin erreichen, dass Passanten beim Vorbeigehen einen Augenblick innehalten und einen Ruhepunkt am belebten Dorfplatz finden.
Sophia Hößle ist 1960 in Ebenhausen geboren und lebt mit Mann und zwei Töchtern seit zehn Jahren in Irschenhausen. Sie ist ein Kind einer Künstlerfamilie: Der Vater lehrte an der Nürnberger Kunstakademie, die Mutter ist Goldschmiedin. Ihr Wunsch, nach dem Realschulabschluss Holzbildhauerin in Oberammergau zu werden, war für die Eltern kein künstlerisches Hirngespinst. Sie förderten das Vorhaben ihrer Tochter. Hößles Material ist der Stein, das Holz und die Bronze. Ihre Themen sind die Natur und der Mensch. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen die bronzenen Relieftafeln berühmter Persönlichkeiten im Auftrag der Stadt München. Das Antlitz von Carl Orff und das des Ehepaars Petruel hat die Irschenhauserin schon in Guss verewigt. „Der Ausdruck im Gesicht eines Menschen interessiert mich eben“, sagt sie.
Auch die Natur interessiert die Künstlerin. Neben handfester Bildhauerei malt sie zarte Silberstiftskizzen von Wiesenblumen und anderen Dingen aus Wald und Flur. Darin stellt sie in filigranen Linienzügen den Veränderungsprozess der Vergänglichkeit dar. So entstehen zarte Zeichnungen voller dynamischer Wandlung. Die introvertierte Künstlerin macht nicht viel Worte um ihre Arbeit, muss sie auch nicht, denn ihre schlichten Kunstobjekte sprechen für sich. Und das wird in Zukunft auch der Ickinger Dorfbrunnen tun, indem sein Wasser leise plätschert.


