Derbleckt is´: Beim diesjährigen Starkbierfest in der Wolfratshauser Loisachhalle wurde wieder kräftig eingeschenkt - auch verbal. Gerade deshalb punktete das Spektakel mit Slapstick, Witz, trefflicher Musik – und ganz starken Darstellern.
Spektakuläre „Rocky Wor'ror Picture Show“
Von Claudia Koestler
Wolfratshausen, 10.3.2014 – Der Gerstensaft floss, die Lachtränen kullerten, nachdem sich der Vorhang zum diesjährigen Singspiel gehoben hatte. Ein aberwitziges Spektakel, so süffig wie das Bier, begeisterte dabei das Volk in der restlos ausverkauften Wolfratshauser Loisachhalle. Die Darsteller und Macher des Wolfratshauser Starkbieranstiches, die Loisachtaler Bauernbühne, punktete dabei mit herrlichen Persiflagen und spitzer, scharfzüngiger Satire, ohne dabei die Häupter der Kommunalpolitik zu schonen.
Laut und herzlich lachend goutierten die vielen Gäste den ironischen, aber auch selbstironischen Blick in den Spiegel der Zeit beziehungsweise in das „Gruselkabinett der Kommunalwahlen“. Denn das diesjährige Singspiel stand ganz unter dem Motto „Rocky Wor'ror Picture Show“. Und es zeigte den künftigen Bürgermeister von Wolfratshausen als den Menschen, der er laut Wahlversprechungen gerne sein würde: Perfekt nämlich. Zunächst aber sah alles noch nach einer Wiederholungstat aus: Der Zauberer vom vergangenen Jahr (Hermann Paetzmann) trat nochmals auf und wollte während seiner Zirkusshow eine Jungfrau zersägen. An der aber mangelte es leider: „Das Röschen Dorn wurde doch entführt. Die letzte Jungfrau haben Wolfratshauser Sittenwächter mit ihr in der Loisach versenkt“, wusste seine Assistentin Jakeline (Christine Brauner). Was oder wen also als Ersatz nehmen? Ein „Auslaufmodell aus dem Stadtrat“ vielleicht? Sie aber waren dem Zauberer nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt: Manche seien „Spaltholz“, andere „Weichholz“, die dritten „Antikholz“ oder hatten sich bereits „selbst abgesägt“. Somit traf es einen Wolfratshauser Bürger (Fritz Reinhardt). Doch nach der erfolgreichen Zersägung passierte es: Bei der „Bürgervereinigung, respektive der Wiedervereinigung des Bürgers“, passten die Hälften nicht mehr zusammen. Da konnte nur noch das „Cima-Labor“ helfen: „Die haben Erfahrung in Sachen Wiederbelebung“.
Einen neuen Bürgermeister basteln
Und somit öffnete sich der Vorhang zur „Rocky Wor´ror Picture Show“. Im Schein der Brockard-Lampen („Aber einen super Pariser-Flair haben´s, die vergrößerten Grableuchten“) rollten zwei angeschickerte Wärter (Max Prestel und Thomas Schmidt) die Überreste des Bürgers rein. „Ja, um Gottes Willen“, entsetzte sich Dr. Frankenstein (Franz Foitzik) bei dessen Anblick, „der schaut ja aus wie ein typischer Wolfratshauser: blass, blutleer, farblos- aber ganz schön aufgebläht...“. Alle Kunst war da vergebens, zur Wiederbelebung reichte es nicht. Aber: Man könnte sich aus den Resten ja einen neuen Bürgermeister basteln. Den brauche es schließlich derzeit in der Loisachstadt. Man nehme also den Bürger als Basis und puzzle aus den bekannten Kandidaten für´s Amt, „von denen derzeit genug rumhängen“, einen perfekten Bürgermeister zusammen. Doch Frankenstein stieß schnell an Hürden, etwa beim Beginn mit dem Hirn, „weil da hat es bis dato noch am meisten gefehlt“. Doch in keiner der Kisten, in denen die offiziellen Bürgermeisterkandidaten lagerten, wurden die Assistentinnen fündig in Sachen Hirn. „Gut, dann schauen wir im Keller, ob da noch Hirngespinste der Stadträte rumliegen“, schlug Frankenstein vor. Ebenso schwer zu finden: ein breites Kreuz. Auch große neue Augen brauchte die Rathauschef-Kreatur, „zwecks dem Weitblick mit Visionen“. Ein „Kopf“ (Florian Roth) sowie zwei ganze Leichen (Christian Foitzik und Jörg Schwenger), die im Labor sprichwörtlich „rumhingen“, hatten dazwischen Zeit, ihre Kommentare abzugeben zur Kommunalpolitik: „Wenn in Wolfratshausen noch mehr abgesägt werden, dann könnte das neue Archiv als Super-Leichen-Lager dienen. Dort könnte die CSU gleich den Kugler auf einen Fleischer-Haken dazu hängen, und die Bürgervereinigung den Gollwitzer“. Apropos: Das machte bei den beiden Appetit auf ein paar „Gollwitzler“, ein Synonym für „beleidigte Leberwürste“. Oder waren das nicht eher „Wittstädtler“? Wurst, im doppelten Sinne.
„Weil´sd a Herz brauchst, wia a Bergwerk, weil´sd da Wahnsinn bist für mi, drum wähl´ i di“
Und immer wieder geisterte das Gespenst namens „Folgekosten“ durch die Kulissen. Für erfrischende Abwechslung und Brücken im kurzweiligen Programm sorgten jene Einlagen, die die Show erst zum Singspiel machten: Die Gesangs-Passagen von Eveline Hörschelmann mit herrlichen Parodien: „Sag mir, wo die Wähler sind“, etwa, „Weint doch nicht, weil der Wiggerl geht, weil sei´ Partei nicht mehr zu ihm steht, tam-tam, tam-tam“ im Stile von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder „Weil´sd a Herz brauchst, wia a Bergwerk, weil´sd da Wahnsinn bist für mi, drum wähl´ i di“. Frankenstein holte inzwischen raus, was dem Wolfratshauser im Magen liegt: Umgehungsstraße, S-Bahn-Schranke, Parkdeck, Isar-Kaufhaus, Stadt-Archiv. All das zu verdauen, dafür brauche es eben einen „perfekten Bürgermeister“. Doch Fehlversuche, die waren bei all der Bastelei leider nicht drin. Nicht mal, um mit den missratenen Prototypen das Geretsrieder Museum zu bestücken, quasi als „Nachbarschaftshilfe“ („Mei Conni braucht keine Nachbarschaftshilfe mehr, hört doch jetzt auch auf, Bürgermeisterin zu sein – schnief!“)
Die Wolfratshauser werden nun den perfekten Bürgermeister doch selber wählen müssen
Dumm deshalb, dass der perfekte Wolfratshauser Bürgermeister bei der Reanimation am Ende der Eigeninitiative der Putzfrau Rosa Bunker (Monika Schwenger) anheim fiel und verschmorte. So bleibt nur, dass die Wolfratshauser nun den perfekten Bürgermeister doch selber wählen müssen. Nachdem sich die Loisachtaler unter tosendem Applaus verabschiedet hatten, prosteten sich die Gäste im Auditorium darauf noch lange zu unter der schmissigen Musik der Münchner Zwietracht. Zugegeben, wer in der Lokal- und Kommunalpolitik Wolfratshausens thematisch fit ist, hatte am meisten von dem Abend. Doch auch für alle anderen war das ein witziger, teils aberwitziger und vor allem erstaunlich professioneller Auftritt, der sich hinter dem berühmten Nockherberg nicht verstecken muss.


