Historischer Verein Wolfratshausen
52 Wolfratshauser Weibsbilder in einem Kalender
Von Peter Herrmann
Wolfratshausen, 1.12.2021 – Im April schloss sich eine Arbeitsgruppe des Historischen Vereins zusammen, um mit einem Kalender an zum Teil vergessene Frauen aus der Geschichte der Marktgemeinde und späteren Stadt Wolfratshausen zu erinnern. Dabei verfassten 44 Autorinnen und Autoren insgesamt 52 Porträts, die nun in einem aufwändig gestalteten Kalender erhältlich sind.
Fleißige Frauen mit schweren Schicksalen
An das Leben der 1,25 Meter kleinen Berta Bauer erinnert Waltraut Geschwendtner. „Ihre geringe Größe hinderte sie nicht daran, zweimal wöchentlich einen enormen Fußmarsch mit ihrem Hundefuhrwerk nach Ambach zu unternehmen, um Dinge des täglichen Bedarfs in die abgelegene Gegend zu bringen und Fischer und Futter für die Schweine von dort nach Wolfratshausen zu transportieren“, berichtet die Autorin. Die an der Beuerberger Straße aufgewachsene Berta Bauer fand im Zweiten Weltkrieg Unterschlupf in einem von ihrem Nachbarn gegrabenen Bunker.
Schwere und nahezu in Vergessenheit geratene Schicksale beschreiben auch die Porträts über die Waldramerin Valerie Brustmann und der Jüdin Hertha Spatz. Letztere wurde im Alter von nur 21 Jahren in einem Konzentrationslager ermordet. Zuvor besuchte sie die 1938 aufgelöste jüdische Mädchenschule in Wolfratshausen und reinigte als Zwangsarbeiterin Münchner Trambahnschienen. Valerie Brustmann war die Mutter des bekannten Musikkabarettisten Josef Brustmann, der sie im Kalender als „einfache, fleißige Frau“ würdigt. Von ihren zehn Kindern starben zwei früh und ein weiteres schon im Mutterleib. „Sie saß nie in einem Flugzeug, nie war sie in Italien, jedes Jahr fuhr sie zur Wallfahrt nach Altötting“, schreibt ihr Sohn.
Überraschende Rechercheergebnisse
Dr. Sybille Krafft, Leiterin der Arbeitsgruppe und Vorsitzende des Historischen Vereins, legte bei der Auswahl der Weibsbilder viel Wert auf eine ausgewogene Mischung, bei der auch der Informationsgehalt und überraschende Rechercheergebnisse nicht zu kurz kamen. Denn nur wenige dürften wissen, dass die Haushälterin des berühmten Dramatikers Bertolt
Brecht aus Wolfratshausen stammte und sich Anna Flossmann 1919 als erste Frau im Marktgemeinderat der Loisachstadt engagierte. Auch über das von Ludwig Gollwitzer vorgestellte „Marktgschlerf“ haben vor allem zugezogene Bürger und Auswärtige wahrscheinlich noch nichts gelesen. Die Hebamme soll im 13. Jahrhundert den Tod eines Neugeborenen verschuldet haben und später als sechs Meter großes Gespenst mit laut schlurfenden Holzschuhen durch die Marktstraße gegeistert sein. „Der weibliche Teil der Bevölkerung hat die Wolfratshauser Geschichte genauso mitgeprägt wie der männliche“, ist sich Krafft sicher.
Und dieses Lob gelte auch für Frauen, die sich nur kurz im Ort aufhielten wie beispielsweise die wohlhabende Italienerin Elisabetta Visconti, die Anfang des 15. Jahrhunderts mit ihrer verpfändeten Mitgift die Wolfratshauser Burg auslöste. Erhältlich ist der Kalender „Wolfratshauser Weibsbilder“ zum Preis von 17,90 Euro in der Buchhandlung Rupprecht, im Geretsrieder Isar-Kaufhaus sowie im Badehaus Waldram. Dr. Sybille Krafft glaubt, dass die Auflage von 750 Stück schnell vergriffen sein dürfte.
Foto: Peter Herrmann




