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Flussfestival 2019 in Wolfratshausen

Bauernregeln zum Avocado-Carpaccio

Wolfratshausen, 24.7.2019 (red) – Schelm, Jedermann und Hofnarr zugleich: Frank Martin belegt auf dem Wolfratshauser Flussfestival, warum er zu den kommenden Stars der Comedyszene gehört.Ach Du meine Güte. Das, wovor sich das Publikum am meisten fürchtet, wird gleich in den ersten Sekunden wahr: Martin Frank spricht Einzelne direkt an. Hopst von der Bühne, überwindet die gefühlte Grenze zwischen Künstler und Auditorium und mischt sich mitten unters Volk. Schließlich macht er nach eigenem Bekunden in Wolfratshausen sein Warm-up selbst.

Gerade mal 27 Jahre zählt der Nachwuchs-Kabarettist („Ich bin gerade in einem Transitalter: Bibi und Tina höre ich nur noch, wenn ich krank bin, aber die Sterbeanzeigen interessieren mich noch nicht.“). Und nun also ein großer, sogar ausverkaufter Auftritt in Wolfratshausen, wo ihm ein erwartungsfrohes Publikum gerade recht kommt. Also verlässt er gleich einmal die Bühne auf der Loisach und fragt ungeniert los, nach Name und Beruf, Wohnort und Familienstand. „Stalking auf hohem Nievau“ nennt er das und erntet, was er von Anfang an wollte: ordentlich Bohei zur Begrüßung.

„Es kommt wie´s kommt“, heißt das zweite Solo-Programm von Martin Frank, das er erstmals in Wolfratshausen darbot. Darin ein aberwitziger Galoppritt über das Leben, seines im Besonderen, und die seltsamen Wendungen, die es nehmen kann. Angeblich ein eher schlechter Schüler, hat Frank das Abi nachgeholt und dann doch eine Verwaltungslehre eingeschlagen und es damit bis zum Standesbeamten geschafft. Geschafft? Für ihn doch nicht das Wahre. Also vielleicht doch etwas Künstlerisches, wo er doch Kirchenorganist ist?Für Frank alles Steilvorlagen für gewitzte, meist selbstironische Plaudereien über das Leben an sich, an die vermeintlichen Ansprüche und Erwartungen an seine Generation und deren Lebensläufe. Und was passiert, wenn Welten eben aufeinanderprallen und man Erwartungen so was von gar nicht erfüllt? Zum Beispiel, in dem man das eigene Gesangstalent am Salzburger Mozarteum vorzuführen gedenkt. Doch dann rutschte ihm angeblich bei Toreador aus Carmen versehentlich vom Französischen ins Bairische. Wie so was klingt? Die Wolfratshauser kamen jedenfalls in den Genuss der „Grab-Gieß-“Arie, des Feinstaub-Gesangfragments „Vom Himmel hoch" oder der „Hendl-Begräbnis“-Oper von Händel.

Auf der Suche nach Toy Boys und Lifestyle-Hipster

Frank plauderte natürlich auch nach dem verkorksten Mozarteum-Auftritt weiter, getragen von einer Lachwolke aus dem Publikum. Er erzählte von seiner recht eintönigen Heimat Hutthurm im Landkreis Passau, wo alles eben ein bisschen länger dauere. Auch die Aufklärung: „Ich dachte bis 18, dass der Besamer mein leiblicher Vater ist“. Eine Gegend, wo alles zu laufen hat, wie es eben immer schon lief: Als Franks Oma von dessen nächstem Berufswunsch, Schauspieler zu werden, hörte, habe sie gleich einen Exorzisten geholt. Deshalb, erzählt Frank, habe er die Schauspielschule in München heimlich besucht. „Ich bin mit Bauernregeln aufgewachsen. Die erste, die mich meine Oma mit drei Jahren gelehrt hat, hieß: Erst kommt das Rindvieh, dann du - daran denke ich jedes Mal, wenn sich einer in der U-Bahn vordrängelt.“ In München, wie gesagt, dann das andere Ende der schrägen Welten: großstädtische Wohnungswucherer und protzige Business-Ladys, ältere Damen auf der Suche nach Toy Boys und Lifestyle-Hipster, die permanent zwischen Work-Life-Balance, Bachelor-Bildung, Instagramm-Selbstbeschöniger und Food-Fetischismus wechselten. Darauf ein Avocado-Carpaccio! Eine Beziehung in all dem Dschungel finden? Noch schwerer, trotz unzähliger Apps. Die junge Dame, die er auf einer dieser Plattformen irgendwann nicht mehr wegwischen kann, will ihn gleich mal auf Niveau tätowieren lassen, und zwar ausgerechnet „da unten“. Nein, kein Pinocchio oder ähnliches soll das beste Stück zieren, sondern die Aufschrift: „Kein Trinkwasser!“ Verständlich, dass Frank Reißaus nimmt.

Der junge Künstler ist, das muss man ihm attestieren, ein großes Bühnentalent, mit viel Chuzpe und gesanglichem wie darstellerischem Können. Zumal Frank noch so jung ist. Darin liegt aber auch die Krux: Sein Programm fußt auf jenem Leidensdruck, den man gewiss irgendwann hat, aber doch hoffentlich erst mit den Jahren sammelt. So erinnert sein Programm in Teilen an Michl Müller mit dessen grotesken Schlagerparodien, an Polt mit seinen Typologien und auch an Lisa Fitz mit ihrem derben Charme. Von all ihnen stecken Prisen in Frank. Letztlich aber lässt sich das eher als Comedy beschreiben denn als Kabarett. Was nichts macht: Die Prise Tiefe wird kommen, das Auge für die Beobachtungen des Alltags und seiner Schrägheiten hat er jedenfalls. Und so war sein Auftritt genau das Richtige für einen lauen Sommerabend am Fluss: einfach mal herzerfrischend lachen.

Fotos: Redaktion


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