Yoshihisa Kinoshita, Chorleiter Wolfratshauser Kinderchor im Porträt
Yoshihisa Kinoshita, Chorleiter Wolfratshauser Kinderchor im Porträt
Die Freude am Gesang wird alles überdauern
In seiner unnachahmlichen Art hat Yoshihisa Kinoshita mit Generationen von Chorkindern Beeindruckendes erreicht, musikalische Glanzlichter gesetzt und renommierte Auszeichnungen erhalten. Aber darüber steht, dass er in seiner Arbeit die Bildung starker Persönlichkeiten fördert und Beziehungen stiftet. Ein Porträt zu seinem 65. Geburtstag.
Von Gregor Miklik
Wolfratshausen, 22.7.2022 - „Du kannst nicht singen.“ Viele Menschen haben diesen Satz irgendwann gehört, von Lehrern, Mitschülern, Eltern, Kindern oder Freunden. Doch das sieht Yoshihisa Matthias Kinoshita ganz anders: Für den Chorleiter kann jedes Kind singen. Man muss es ihm nur beibringen – und das getrieben von Freude. Seit mehr als 30 Jahren leitet er den Wolfratshauser Kinderchor und hat in dieser Zeit das Musikleben in der Region geprägt, national und international für Furore gesorgt und zahlreiche Preise gewonnen. Ein ungewöhnlicher Pädagoge also, dessen Grundsätze für mehr stehen können als für die Musik alleine.
Kinoshita wurde am 8. Juli 1957 in Bremen geboren, der Heimatstadt seiner Mutter; sein japanischer Vater hatte in Deutschland Musik studiert und nahm die junge Familie nach wenigen Monaten mit nach Tokyo, wo er ein eigenes Vokalinstitut leitete. Der junge Yoshihisa wuchs zweisprachig auf, besuchte die deutsche Schule in Tokyo und lebte in zwei Kulturen – für die „Peers“ in Tokyo war er "der Deutsche".
An der Musikhochschule Köln/Aachen studierte er Querflöte und Gesang
Studienbegleitend wurde er bereits Lehrbeauftragter an seiner Universität, nach dem Abschluss 1984 – das erste von vier Kindern war gerade geboren - ging er für drei Jahre als Assistent und Schüler seines Vaters ans Kinoshita Vocal Institute in Tokyo: Auch als Jugendlicher hatte er bereits interessiert zugehört, wenn der Vater von seiner Arbeit am Institut erzählte. Prägend hinsichtlich seiner pädagogischen Methoden und seinem Können als Chorleiter wurden nun offenbar diese drei Jahre im Gesangsinstitut seines Vaters: „Es war klar, dass, physiologisch gesehen, jedes Kind die Voraussetzungen zum Singen hat, also muss ich's ihm nur noch beibringen."


Karriere und Erfahrungen
1989 übernahm Kinoshita im Alter von 32 Jahren den bereits bestehenden Kinderchor an der städtischen Musikschule in Wolfratshausen. Rosalie Schwabl, heute 42 Jahre alt und Grundschullehrerin in Münsing, erinnert sich, wie sie 1990 zum Chor stieß: „Gut ein Dutzend Kinder waren wir - und es war schnell klar: Hier bleibe ich." Im Chor herrschte ihr zufolge gute Stimmung und dieser junge, motivierte Chorleiter, von allen Yoshi genannt, arbeitete mit seinen Schülern trotz der nötigen Disziplin immer mit einer gewissen Leichtigkeit, „hier machte Singen einfach Spaß. Dabei war es ganz selbstverständlich, dass jedes Kind auch alleine vorsang," sagt Schwabl. Dies sei anfangs ungewohnt gewesen, doch brachte es auf Dauer Selbstsicherheit und eine gute Selbsteinschätzung. Bald kamen erste Auftritte, bei denen grundsätzlich auswendig gesungen wurde. Äußerlichkeiten waren unwichtig, „so stürmten wir meist recht ungeordnet und oft barfuß auf die Bühne", lacht Schwabl. „Aber auf Yoshis Zeichen hin bündelte sich die gesamte Aufmerksamkeit der Kinder bei ihm und wir folgten jedem Fingerzeig und jedem Blick", stellt Schwabl klar.
Der Kinderchor wuchs stetig, die Qualität stieg und Kinoshita legte von Anfang an Wert auf regelmäßige Konzertauftritte und Chorreisen, die jungen Mitglieder wurden früh entsprechend "wetterfest". Schon bei der ersten Teilnahme am Bayerischen Chorwettbewerb 1993 gelang ein erster Platz, es folgten bis 1997 elf weitere Reisen und dann mit dem Ersten Preis beim Deutschen Chorwettbewerb 1998 der Ritterschlag: Wolfratshausen wurde zu einem Fixpunkt in der deutschen Kinderchorlandschaft und der Kinderchor eine nationale Größe.


Denken und Ausrichtung
Nach einem Einstieg mit nur wenigen Wochenstunden hatte Kinoshita dank des enormen Zulaufs zum Chor binnen weniger Jahre eine Vollzeitstelle, trotzdem war er parallel auch immer anderweitig tätig, so am Richard-Strauß-Konservatorium und an der Hochschule für Musik und Theater in München. Spätestens seit dem Gewinn des Deutschen Chorwettbewerbs 1998 wurde er ein gefragter Gast auf nationalen und internationalen Workshops: „Mein berufliches Fundament war immer in Wolfratshausen, hier wäre ich nie weggegangen,“ erzählt er. Aber natürlich habe er sich über Anfragen aus dem In- und Ausland gefreut: „Ich war immer neugierig auf den Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen." – angesichts seiner Herkunft keine Überraschung.
Die Vielseitigkeit von Kinoshitas Arbeit wird erst im Rückblick und in der Summe sichtbar: So betreute er zum Beispiel Dutzende Kinder als Stimmbildner und mehrere seiner Ensembles nahmen erfolgreich am Bundeswettbewerb „Jugend Musiziert“ teil.
Erstmals bereits 1990, regelmäßig seit 2004, führt die Wolfratshauser Musikschule unter Kinoshitas Gesamtleitung im Sommer ein Kinder-Musical mit bis zu 150 Aktiven auf, wobei die Sänger – Chor wie Solisten – nur neun oder zehn Jahre alt sind und auch das gesamte Orchester aus Schülerinnen und Schülern der Musikschule besteht. Auffällig sind ebenfalls die vielen Konzerte auf professionellem Niveau (so mit den Bläsern von Blechschaden oder beim Herrn der Ringe mit Live-Musik) und in großen Konzertsälen.
Freude am Lernen
Kinoshita ist ein gefragter Referent und leitet Workshops, auf denen er auch seine Ideen zur Pädagogik weitergibt. Deren Basis ist die neurobiologische Erkenntnis, die etwa der Medizinprofessor und Psychiater Jochen Bauer in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit" beschreibt: Nämlich, dass nichts die Motivationssysteme des Menschen so sehr aktiviert wie der Wunsch, von Anderen gesehen und anerkannt zu werden und Zuwendung zu erleben. Kinoshita leitet daraus ab, dass ergebnisorientierte Pädagogik zumindest fragwürdig sei; „wer dagegen die Beziehungsebene pflegt, erhöht die Eigenmotivation der Kinder und erreicht die gewünschten Ziele quasi nebenbei".
Obwohl Vergleiche leicht zur Abwertung führen, sind sie in unserer Gesellschaft gang und gäbe. Kinoshita ist es dagegen wichtig, „nicht vergleichend zu bewerten, sondern eine differenzierte Rückmeldung zu geben; und da ich mir oft nicht sicher bin, ob das Kind mich wie gewünscht versteht, frage ich oft nach." Wenn ein Kind zu Hause erzähle, „heute war der Yoshi total streng - aber er mag mich", dann sei die Beziehungsebene offenbar intakt. „Jegliche Art der Differenzierung, die auf das Schöne gerichtet ist, macht Freude, weil sie uns dem Schönen näherbringt, Verbundenheit entstehen lässt und uns so glücklich macht" - das könne man dann auch im Konzert hören.
Die Ebene jenseits der Musik
Von Christopher Wallbaum, Professor für Musikpädagogik und -didaktik in Leipzig, stammt die Aussage, dass es im menschlichen Leben eine Freiheit gibt, eine Losgelöstheit vom Dinglichen, vom Greifbaren, von der Realität. Das könne man auch mal "zufällig" erleben, aber Kinoshita zeige seinen Chorkindern einen Weg, wie sie diese Freiheit aktiv suchen und finden können - nämlich im gemeinschaftlichen Gesangserlebnis. Und er zitiert den Wolfratshauser Chorleiter: "Freude kommt vor richtig oder falsch. In der Musik, speziell beim Singen, passieren Dinge, die sich zunächst in einer Freude des Miteinanders ausdrücken und unabhängig von musikalischer Begabung und Können sind."
Kinoshitas Ziel bei der Arbeit sei, die Beziehungsebene zu jedem einzelnen Kind nie zu verlassen, denn „sie trägt die Kinder und mich durch ein Chorleben“. Seine Arbeit an der Musikschule endet im Sommer 2023 – die Verbundenheit und die Freude am Gesang aber werden bleiben.







