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Ein Leben lang alle Register ziehend

Porträt Maria Feldigl

Von Gregor Miklik

Wolfratshausen, 07.08.2022 - Die 93-jährige Wolfratshauserin Maria Feldigl ist Katholikin, aber seit mehr als einem halben Jahrhundert eine Säule der evangelischen Gemeinde: Denn dort spielt sie seit annähernd 60 Jahren die Orgel. Ein Porträt über eine Frau, die Zufriedenheit lebt und zudem als lebende Stadtchronik und Geschichtenerzählerin fungiert.

Zielstrebig, selbständig und emanzipiert: Dieses Bild könnte beim Blick auf die Biographie von Maria Feldigl entstehen. Schließlich ist die 93-jährige Wolfratshauserin eine Frau, die bis heute autark und allein in ihrem Geburtshaus lebt und ihre Berufung gefunden hat. Im Gespräch hingegen zeichnen sich schnell andere Eigenschaften ab: Demütig, bescheiden und vor allem zufrieden wirkt Feldigl, dabei aber auch sehr wach und humorvoll. Seit 75 Jahren begleitet sie Gottesdienste an der Orgel, seit bald 60 Jahren ist sie Organistin der evangelischen Gemeinde St. Michael in Wolfratshausen. Zugleich kennt sie die jüngere Stadtgeschichte samt Anekdoten wie wohl kaum sonst jemand. Der perfekte Nährboden also für jede Menge Geschichten, bei denen sie durchaus auch über sich selbst lachen kann.

Geboren wurde Feldigl am 11. Mai 1929 in Wolfratshausen in jenem Haus, in dem sie bis heute lebt

Geboren wurde Feldigl am 11. Mai 1929 in Wolfratshausen in jenem Haus, in dem sie bis heute lebt, „und hier möchte ich auch sterben – ja, geht ja gar ned anders, sonst müsst ich ja auswandern.“ Sie hat ihre Kindheit als unbeschwert erlebt, „ich war ja schon zehn Jahre alt, als der Krieg ausbrach; Wolfratshausen sei ein schöner Ort gewesen, die Kinder hätten „auf der Straße gespielt und die Autos gezählt, die vorbeikamen – viele waren´s ned.“ Im Winter hätten sie immer gewettet, wann am damals noch steileren Hügel vor der Weidacher Mühle wohl wieder eines hängenbleibe.

Auch an die Kontrollen des Floßmeisters am alten Kastenmühlenwehr erinnert sie sich gerne. Da konnte sie vom Garten ihres Hauses aus zusehen und die Oma musste aufpassen, dass das Kind nicht über den Gartenzaun ins Wasser fiel - "Schwimmen hab ich bis heute ned g´lernt." Aufhänger für eine Stoiber-Anekdote: Früher fuhr das Floß mit den Honoratioren bei der jährlichen NepomukProzession an Feldigls Haus vorbei und dann die Floßrutsche am Wehr hinunter. Die "alten Hasen" auf dem Floß hielten beim Abkippen in die Rutsche Abstand, der Ministerpräsident blieb dagegen an der Vorderkante stehen und wurde beim Eintauchen patschnass - "aber er hat's dann ja ned weit nach Hause gehabt", amüsiert sich Feldigl.

Die kleine Maria wurde 1935 eingeschult, nach acht Jahren Volksschule ("die war im Kloster hinter St. Andreas, wo heute das Gemeindehaus steht") fuhr sie dann von Herbst 1943 an täglich mit der Isartalbahn nach München und ging von dort zu Fuß zur Mittelschule. Bei Fliegeralarm rannte sie zurück zum Isartalbahnhof, um idealerweise noch nach Hause zu kommen; der Schulbesuch fand wegen dieser Angriffe immer seltener statt, bis die Mittelschule im Februar 1945 geschlossen wurde. Wenn die Bomber über Wolfratshausen flogen, versteckten sich die Kinder unter den Johannisbeersträuchern – es gab weder Keller noch Bunker, die Stadt war allerdings auch kein Angriffsziel. Zur Fortsetzung der Mittelschule besuchte Feldigl dann ab Herbst 1945 in Altötting ein Internat, in dem ihre Tante Schulschwester war. Im Sommer 1947 kehrte sie ins Elternhaus zurück und die Orgel wurde zu ihrem zentralen Lebensinhalt.

Der Vater Johann Feldigl, Kirchenmusiker der katholischen Gemeinde St. Andreas in Wolfratshausen, unterrichtete beide Söhne und die Tochter an Klavier und Orgel. Maria begann mit sechs Jahren am Klavier und mit zehn Jahren an der Königin der Instrumente. Der ältere Bruder wurde Handwerker, der jüngere studierte Kirchenmusik in München, bevor er eingezogen wurde. Mit gerade mal 24 Jahren übernahm er das Amt des Vaters, nachdem dieser im Februar 1945 überraschend gestorben war. Das war auch wiederum der Beginn von Maria Feldigls ersten Auftritten als Organistin: "Ich hab' schon früh den Bruder vertreten, weil der bei den vielen Andachten oft keine Lust zum Orgeln hatte - ich hatte immer Lust", sagt Feldigl - und spielte fortan regelmäßig. Nach der Schule habe sie sich um die Mutter und den Haushalt gekümmert und mit Klavierunterricht und Orgeldiensten in St. Andreas zum Lebensunterhalt beigetragen. Eine Berufsausbildung für Frauen war noch nicht üblich. Erst als die Sparkasse 1954 jemanden für die Buchhaltung suchte, erhielt sie diese Anstellung. Sie blieb bis zum Renteneintritt 1989 insgesamt 35 Jahre als "Ungelernte" dort. Dankbar sei sie bis heute der Kollegin Astrid Kremser, die den Chefs offenbar immer wieder bestätigte, dass die Maria auch ohne Computer gut zurechtkomme - "so musste ich des Computer-Zeug nimmer lernen." Und sie habe ja weiterhin regelmäßig georgelt, "das hat mir ja immer Freude gemacht."

Da bereits Feldigls Vater auch schon Orgelkonzerte in der evangelischen Kirche St. Michael gespielt hatte, war der Name dort bekannt; als sich 1964 eine Vakanz ergab, fragte der damalige Pfarrer bei ihr an – seitdem teilte Feldigl sich die evangelischen Gottesdienste mit Klaus Pieferling und übernahm sie 1989 alleine. 1989 war auch das Jahr, in dem Feldigl in Rente ging – damit hatte sie jede Menge Zeit für ihre Berufung.

2010 - im Alter von 81 Jahren - wurde diese Berufung kurz infrage gestellt, als Feldigl abends nach einem Oktoberfestbesuch ("ja, ja, das Bier war süffig") in der Wohnung stürzte. Trotz des schmerzenden Arms ging sie zunächst ins Bett, doch am nächsten Morgen wurde bei ihr ein Oberarmbruch diagnostiziert. Sie widerlegte schnell die Prognose, dass sie wahrscheinlich nicht in der Lage sein würde, Orgel zu spielen. Nach sechs Wochen erschien sie wieder zum Dienst. Die implantierte Metallschiene störe sie nicht. "Metalldetektoren am Flughafen sind kein Problem, weil ich flieg' ja ned. Aber wenn ich jetzt beim Gewitter nausgeh', könnt's natürlich sein, dass der Blitz einschlägt", sagt Feldigl trocken.

Zufriedenheit im Leben

Wichtig war ihr neben der Musik immer das Interesse an und der Austausch mit ihrer Umgebung. Als aktives Mitglied der katholischen Gemeinde und Organistin in der evangelischen hatte sie immer viele Kontakte – und zwar zu allen. Außerdem sei sie in der Stadt meist zu Fuß unterwegs gewesen und mit den Leuten ins Gespräch gekommen – sehr viel mehr brauchte Maria Feldigl offenbar nicht, um mit ihrem Leben zufrieden zu sein. "Meine Mutter und ich hatten ja den Garten und wir waren nie alleine": Das Erdgeschoss war vermietet und ab und zu kam der Bruder zu Besuch.

Maria Feldigl spielt Orgel in der evangelischen und der katholischen Gemeinde

Heute überlasse sie diesen Garten zur Nutzung den Nachbarn, sie bleibe lieber auf dem Balkon unter dem Dach, von dort sehe sie mehr und brauche keinen Sonnenschirm. Viel Zeit für Muße habe sie eh nicht, denn der Alltag sei sieben Tage pro Woche gut ausgefüllt: Ab 7.30 Uhr gehe sie in die Kirche zum Üben, danach zum Einkaufen, dann nach Hause zum Zeitung lesen; Kochen, Haushalt und Wäsche stünden ja auch noch an. Und der Orgeldienst sei immer intensiver geworden: Sie spiele ja nicht nur in Sankt Michael, sondern zur Urlaubsvertretung auch in Waldram, Schulgottesdienste in Münsing, "und dann die ganzen Taufen, Trauungen und Beerdigungen." Bei diesen "Kasualien" würde ihr schon mal Geld angeboten, das lasse sie dann für die Orgel spenden, ihre Rente sowie das Honorar für das Orgelspiel seien völlig ausreichend, "ich brauch' ja nix. Verreist bin ich zuletzt in den 1980er-Jahren, glaub' ich – das wär' mir heute zu anstrengend." Das Orgeln dagegen wird offenbar nie zu viel, dafür steht sie der evangelischen Gemeinde im Ernstfall an 365 Tagen pro Jahr zur Verfügung – und hilft bei Bedarf auch immer mal wieder in ihrer katholischen Heimatgemeinde St. Andreas aus, deren Gottesdienst sie mittwochs regelmäßig besucht.

60. Dienstjubiläum in der evangelischen Kirche im Jahr 2024

Größere Zukunftspläne habe sie "eigentlich keine mehr"; als der evangelische Pfarrer Florian Gruber sie zur Corona-Impfung schicken wollte, hätte sie sich gefragt, "ob's des jetzt noch braucht?" Als Gruber feststellte, dass die Gemeinde sie definitiv noch brauche, sei sie halt gegangen, denn "zumindest um Langzeitfolgen brauch' ich mir keine Sorgen mehr zu machen." Feldigl gibt sich also nicht nur zufrieden, sondern auch entspannt über alles, was kommen mag. Ein Ziel ist ihr dann aber doch richtig wichtig: ihr 60. Dienstjubiläum in der evangelischen Kirche im Jahr 2024.


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