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Musikschule Wolfratshausen

Musikschule Wolfratshausen - Im Gespräch mit den Chorleitern Yoshihisa Kinoshita und Emanuel Schmidt

"Man muss immer up-to-date sein"

Von Andrea Weber

Wolfratshausen, 17.10.2022 – Nach vielen Jahren gibt es einen Wechsel in der Chorleitung des renommierten Wolfratshauser Kinder- und Jugend-Chors. Der engagierte und beliebte Chorleiter Yoshihisa Kinoshita geht 2023 nach 34 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Sein größter Erfolg sei die Kontinuität, sagt er im Rückblick. „Ich hätte nach Neuseeland gehen können. Aber ich wollte lieber bleiben“, erinnert sich Kinoshita. In seine Fußstapfen tritt nun Pianist, Komponist und Chorleiter Emanuel Schmidt. Ein Jahr wollen die beiden gemeinsam Projekte leiten. Es soll ein fließender Übergang werden.

Herr Kinoshita, was sagen denn die Kinder, dass Sie gehen?

Die Kleinen nehmen es hin (er schmunzelt). Die Teenager dagegen haben eine Eigenverantwortung. Sie lieben den Chor. Sie wollen, dass es weitergeht. (Es gibt vier Chorstufen).

Mal ehrlich, werden sie die pochenden Kinderherzen, ehe der Bühnenvorhang sich öffnet, vermissen?

Das werde ich. Es ist eine ganz besondere Dynamik und Energie im Raum, wenn über 100 Kinder um einen herumwuseln. Sie dann zu fokussieren ist eine Herausforderung. Es ist auch die Vorfreude auf den Auftritt und schließlich das Feedback vom Publikum, das die Chorarbeit so aufregend macht. Ja, die Kinder werden mir sehr fehlen.

Sie sprachen von Fokussieren. Was heißt das?

Die Aufmerksamkeitsübung ist ein zentrales Thema in der Chorarbeit. Das heißt, sich auf einen Punkt zu fokussieren, in diesem Fall auf den Dirigenten. Ich bitte die Kinder aufrecht zu sitzen, aufzupassen, sich zu konzentrieren. Wenn es klappt, und alle machen mit und es wird still, dann ist das ein magischer Moment. Das spüren auch die Kinder.

Ungewöhnliche Arrangements, junge moderne Musicals, internationale Projekte. Dafür wurde der Wolfratshauser Kinderchor überregional bekannt und vielfach ausgezeichnet. Wie kamen Ihnen bloß all die Ideen?

Ich mag keinen Mainstream. Ich wollte den Kindern immer was Neues bieten. Konventionelle Stücke experimentell verändern, das hat mich stets interessiert. Erst dadurch entsteht Lebendigkeit.

Und nun, was werden Sie denn mit all der Freizeit ohne Musik anfangen?

Damit ich nicht ganz ins Loch falle, werde ich an der Hochschule für Musik und Theater in München weiterhin als Dozent arbeiten. Mir schwebt ein Chorprojekt mit den ehemaligen Musikschülern vor. Aber vor allem möchte ich längere Zeit nach Japan reisen. Japanisch essen, japanisch sprechen, die japanische Lebensart genießen, die ich sehr mag. 

Ein Wunsch an Ihren Nachfolger.

Emanuel soll die Freiheit in seiner Arbeit bekommen, die ich an der Wolfratshauser Musikschule so schätzte. Unsere Chöre sollen weiterhin ein Aushängeschild bleiben.

Herr Schmidt, sind sie aufgeregt, in solche Fußstapfen zu treten?

Ehrlich gesagt, nein. Als Musiker ist man die Herausforderungen gewohnt, wenn man auf die Bühne tritt. Man kann aufgeregt sein, man kann sich aber auch auf die Aufgabe fokussieren. Davon sprach Yoshihisa eben schon.

Schweben Ihnen neue Projekte vor?

Erfahrungsgemäß zeichnen sich Neuerungen erst nach einer gewissen Zeit ab. Mit Kindern und Jugendlichen ist man immer einem Wandel untergeben. Wir Lehrer müssen up-to-date sein. Veränderter Lebensrhythmus, Schule, Hort, neue Medien. All das spielt eine Rolle.

Wie werden Sie den Spaß am Singen fördern?

Ich glaube, man muss offen und locker sein, und improvisieren können. Ich möchte sehen was kommt und daraus was machen, dass den Kindern und Jugendlichen Spaß macht. Wenn eine große Gruppe was Gemeinsames schafft und damit eine tiefe Verbindung aufbaut, dann entsteht ein besonderer Moment. Wichtig sind mir Chorfahrten, Choraustausch auch international und die Vernetzung von Chorleitern und Chören. Kinder lieben es, wenn sie rauskommen und ihre Musik mit anderen teilen können.

Abschließend die Frage: Was sagen Sie einem Kind, das nicht vorsingen mag?
Das kenne ich gar nicht. Das Wichtigste ist eine sichere Umgebung von Anfang an zu schaffen. Im Chor ist kein Kind allein. Bereits mit den Kleinsten spielerisch beginnen, zum Beispiel den Namen alleine singen. So baut sich diese Blockade gar nicht erst auf.

Das Wichtigste in 34 Jahren Chorleitung Yoshihisa Kinoshita:

Internationale Reisen: Konzertreise Irland, (1994); Japan-Tournee 1999 und Konzertreise 2008;  Konzertreisen nach Italien (2005 und 2008); Chorwettbewerb Spanien (4.Platz) (2011); Konzertreise Frankreich (2014). Chorprojekte: Benefizkonzert für die Opfer des 11. September in Luxembourg (2001), Livekonzert mit Film „Herr der Ringe“, Teil 1,2,3, (2008, 2009, 2010, 2011); Konzert auf der Expo 2000 Hannover; Mitwirkung bei „Best of Musicals“ in der Olympiahalle München (2007); BR-Rundfunkaufnahmen (1994, 1995, 1999, 2002); Erasmus-Projekt „You(th) Can Sing“ mit dem PASCH-Chor aus Kairo und dem Chor „Hgz sound“ aus Litauen, (2022)
Wichtigsten Auszeichnungen: Deutscher Chor-Wettbewerb 1. Platz im Bundeswettbewerb, (1998 und 2005); Tassilo-Preis für Yoshihisa Kinoshita, (2004); 3. Preis Internationaler Chorwettbewerb in Riva del Garda,(2004)

Lebenslauf Emanuel Schmidt

Emanuel Schmidt, geboren 1979 in München, studierte Kirchenmusik und Physik in München und Utrecht. Nach fünf Jahren als Organist der Bürgersaalkirche arbeitete er von 2009 bis 2014 in den Niederlanden. Von 2014 bis 2016 Assistent der Dommusik an der Frauenkirche in München, 2018 kommissarische Leitung von Domchor und Domorchester. Chorleiter und Stimmbildner der Theaterakademie August Everding, der Münchner Domsingschule, des Münchner Knabenchors. Organist und Pianist beim Süddeutschen Kammerchor, dem Odeon Ensemble München, der Jungen Deutschen Philharmonie, Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks. Lehrbeauftragter an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Seit 2016 an der Musikschule Wolfratshausen. Er komponiert auch, zwei Kindermusicals aus seiner Feder wurden bereits in Wolfratshausen aufgeführt.

Foto: Andrea Weber


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