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Kunstturm Wolfratshausen

Kunstturm Wolfratshausen

„Paradebeispiele für die Mehrdeutigkeit von Kunst“

Von Peter Herrmann

Wolfratshausen, 1.11.2024 - 24 Kunstobjekte und 18 Bilder des Architektenpaars Gabriele und Heinrich Goldstein sind derzeit in den Ausstellungsräumen im Schwankl-Eck am Obermarkt zu sehen. Schon bei der Vernissage merkten die Besucher schnell, dass der erste Eindruck trügt und die Werke vielseitig interpretierbar sind.

Erstaunliche Begegnungen

Gabriele und Heinrich Goldstein haben winzige Figuren auf einem 3-D-Drucker hergestellt, anschließend bemalt und danach in Acrylboxen wundersame Szenarien geschaffen. So begegnet ein Pinguin auf einer kleinen schneebedeckten Insel mit Palme zwei Männern in Dachauer Tracht. Das Werk symbolisiert eine vom Klimawandel bedrohte Welt. „Es gibt bald keinen Lebensraum mehr“, erklärte Gabriele Goldstein. In einem weiteren „Cube“ stehen wenige bunte Männchen einer grauen Menschenmenge gegenüber und scheinen sich zu weigern, durch ein Eingangstor zu gehen: laut Heinrich Goldstein eine Warnung vor dem Mainstream und ein Plädoyer für freie Meinungsäußerung.

Metaphorische Zuspitzungen

Zur Interaktion mit dem Betrachter laden die 18 Wandelbilder ein. Denn je nach Position und Blickwinkel verändert sich die Perspektive. Dabei werden drei Motive sichtbar. So wechselt sich Aphrodite in der Muschelschale mit den Venus-Gestaltungen von Sandro Boticelli und Andy Warhol ab. Auf weiteren Bildern begegnen Besucher dem wandlungsfähigen Dichter Johann Wolfgang von Goethe und drei Models aus der Serie „White Shirts“ des Fotografen Peter Lindbergh. Bereits bei der Vernissage freute sich Veranstalter Hans-Werner Kuhlmann über viele interessierte Besucher. „Wir sind froh, dass hier so ein begnadetes Künstlerpaar ausstellt“, zeigte er sich begeistert.

Die Münchner Kunsthistorikerin Brigitte Seidel würdigte die Werke in einer launigen Laudatio. „Die Dinge werden in einen neuen, nun gar nicht mehr so vertrauten Kontext gebracht“, bemerkte sie. Von der trügerischen Idylle sei es nicht mehr weit bis zum Abgrund. Viele Werke seien metaphorische Zuspitzungen und daher „Paradebeispiele für die generelle Mehrdeutigkeit von Kunst“. Am Ende zitierte Seidel den Lyriker Rainer Maria Rilke und gab damit zugleich eine Empfehlung für alle Kunstliebhaber: „Haben Sie Geduld mit allem Ungelösten in Ihrem Herzen und versuchen Sie, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten“.

Info: Die Ausstellung „„Wandelbilder – art in the box“ ist bis zum 23. November im Kunstturm am Obermarkt 33 zu sehen. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag, jeweils von 14 bis 18 Uhr.

Fotos: Peter Herrmann

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