Das Magazin für das Bayerische Oberland

Lou Hoffner und Hans Kraus berühren in der Wolfratshauser Loisachhalle mit “Love Letters”, einem Kammerspiel der großen Gefühle und kleinen Gesten aus der Feder des amerikanischen Dramatikers Albert Ramsdell Gurney

Seelen, die aus Tinten fließen

Wolfratshausen, 12.11.2019 - red.  – Natürlich müsste eine Rezension in der heutigen Zeit gleich auf die Diskrepanz hinweisen: Briefe, handgeschrieben, vorgelesen! Während doch kaum noch einer einen Füllfederhalter ehrt, sondern alle nur noch wischen, tippen und Emojis verschicken. Doch genauo das ist der Zauber von “Love Letters”, einem Zwei-Personen-Stück des amerikanischen Dramatikers Albert Ramsdell Gurney: eine Liebenserklärung an die verlorene Kunst des Briefeschreibens, vor allem aber eine Widmung an das Leben und die Liebe.

Eine Frau, ein Mann und die Briefe der beiden – das ist der Stoff des Stücks, das 1990 für den Pulitzerpreis nominiert wurde. Und während vorne auf der Bühne der Wolfratshauser Loisachhalle die Schauspieler Lou Hoffner und Hans Kraus (vielen noch immer bekannt als Pepe Nietnagel aus "Die Lümmel von der ersten Bank") den Briefwechsel rezitierten, war im Auditorium kein Mucks zu hören – so gebannt lauschte das Publikum den kurzen Mitteilungen und Nachrichten von Andrew und Melissa aus Amerika. Die Spur ihrer Briefe reicht von den ersten Zettelchen unter der Schulbank bis in die Zeit der Anrufbeantworter und der Sekretärinnen, die für den Erfolgreichen und die durchs Leben Taunelnde die Nachrichten abfangen, bevor es die Ehepartner oder die Öffentlichkeit tut. Die beiden, kurz gesagt, können nie ganz zueinander finden und nie ganz voneinander lassen. Es ist die Geschichte einer großen Liebe, intelligent, manchmal derb und ja, auch sehr melancholisch, denn das Hoffen auf den anderen hört - trotz aller Auf und Abs - nie auf. Melissa und Andrew kommt das Leben mit all seinen Umständen immer wieder dazwischen.

Für diesen Einblick in zwei Seelen braucht es – das zeigten Hoffner und Kraus - kein Bühnenbild. Ein Tisch auf der sonst nackten Bühne der Loisachhalle genügte, ein paar zerknüllte Blätter Papier darum herum. Alles, was es zu sagen gibt, mussten und wussten die beiden mit der Stimme in den Text zu legen. Kraus, der ruhige, Vernunftbetonte, und Hoffner, die emotionale, ewig Suchende. Träume und Albträume, Erfolge und Abstürze: Harvard, Doktor, Jurist, Senator, Künstlerin, Mutter, Alkoholikerin, Todkranke - Andrew und Melissa torkeln fern voneinander durch die Welt und berühren sich doch immer wieder in ihren Briefen. Es dauerte etwas, bis sich die Charaktere formten und das Wolfratshauser Publikum in den Bann gezogen war, doch mit der zweiten Hälfte ging das Werk und die Aufführung vollends unter die Haut. Was war letztlich größer? Die Gegensätzlichkeit oder die Liebe? Man muss die Aufführung gesehen haben, um die Antwort zu finden. Klar ist aber, Hoffner und Kraus legten den wahrscheinlich berührendsten Theaterabend seit langem hin.


NEWS