Flussfestival Wolfratshausen 2019
Sound of Sommernacht
Wolfratshausen, 9.7.2019 (red) - Willy Astor eröffnet das diesjährige Wolfratshauser Flussfestival und lässt das Publikum auf einem atmosphärisch dichten Grooveteppich schnurren. Eine abwechslungsreiche, phantastische und packende Reise über die Grenzen der konventionellen Hörgewohnheiten hinweg und mitten durch die eigene Imagination. Riesiger Applaus, und der gegenseitige Wunsch nach Wiederholung. Gerne auf dem Flussfestival 5.0.
Das hatte fast schon etwas Unwirkliches, so schön war es: Ganz, ganz langsam nur verwandelt sich der lange, strahlende Sommertag in eine kühlere, sternenklare Nacht, und während die Loisach vor sich hinfließt, entlockt ein virtuoser Künstler auf der Bühne im Fluss Weltmusik vom Feinsten. Das Publikum unter dem großen, muschelförmigen Zeltbaldachin sitzt wie an einem großen Lagerfeuer zusammen und lauscht genüsslich der Klänge. Hätte es einen schöneren Auftakt geben können für das diesjährige Wolfratshauser Flussfestival? Die Antwort muss nein heißen. Denn Willy Astor brachte mal alleine, mal mit seiner Band Seelenstreichler-Melodien in die Sommernacht am Fluss, und so hätte es nach dem Willen des Publikums noch ewig weitergehen können. Von der Minute an, da Astor auf der Bühne erschien, gelang eine fast schon magische Verschmelzung mit dem dicht zusammengerückten Publikum. Mit einer Mischung aus weltmusikalischen Songs und einem unprätentiösen Plauderton dazwischen gelang ein kollektives Wir-Gefühl.
Eine Reminiszenz an den Simon & Garfunkel-Hit „The Sound of Silence“
Willy Astor kennen viele, vor allem aber immer noch als Wortakrobat. Der gebürtige Münchner und inzwischen Wahl-Ebenhausener nennt sich nicht zu Unrecht „Verb-Brecher, Silbenfischer und Vers-Sager“ und taucht gerne ein in den „Wörtersee“. Astor ist aber zugleich Musiker und Komponist. So ist nicht nur die Bayern-Hymne „Stern des Südens“ sein Werk, sondern auch das Musikprojekt „Sound of Islands“ – einer, Astor kann es eben doch nicht lassen, Reminiszenz an den Simon & Garfunkel-Hit „The Sound of Silence“. In den Genuss dieses Musikprojekts von Astor kam das Publikum am Freitag in Wolfratshausen, zum Auftakt des diesjährigen Festivals an der Loisach, das heuer seine vierte Auflage erfährt, oder auch „Flussfestival 4.0“, wie Bürgermeister Klaus Heilinglechner und Kulturmanagerin Marion Klement anfangs freudig erklärten.
Ein paar Kalauer konnte sich Astor natürlich dennoch nicht verkneifen. „Wolfratshausen – ist des da, wo ein Wolf und ein Ratz hausen?“ fragte er eingangs.Doch im Mittelpunkt stand etwas anderes: Niveauvolle Weltmusik in einem einzigartigen Ambiente. Astor und seine Musikkollegen, die er mit auf die schwimmende Bühne holte, entführten das Publikum auf weltmusikalische Klanginseln, die zum Entschleunigen animierten. Und dabei gelang es ihm in Verbindung mit seinem moderierenden Plauderton immer wieder, Sozialkritik mit Selbstreflexion zu verbinden, Ironie mit Introspektion, Privates mit Politischem. Astor war differenziert und tastend, fühlend und treffend. Als sensibler Beobachter erzählte er von denen, die viel sehen, aber wenig verstehen, und gab den Melodien eine erstaunliche musikalische Reichhaltigkeit. Auch dank der famosen Mitmusiker, die er für das Projekt und den Auftritt am respektive im Fluss gewinnen konnte: Der Geretsrieder Musiker und Filmkomponist Titus Vollmer etwa (an der Gitarre), Nick Flade (Bass und Keyboards) und Marcio Tubino, Percussions und Blasinstrumente bediente. Astor selbst spielte in dem Quartett Gitarre, war aber eben auch Moderator des Abends und nahm das Publikum mit, weil er ihm auf Augenhöhe begegnete.
Sphärisch-schöner Höhenflug
Teilweise verarbeitete der Ebenhausener persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, meist aber mit einem leicht ironischen Abstand. Zum Beispiel das Trauma einer verlorenen Liebe. Die Angestellte des Reisebüros schickte ihn ausgerechnet dazu nach Santorini. Dass die griechische Insel auch als „Insel der Paare“ firmiert, musste der ungewollt Alleinreisende dann schmerzhaft täglich mit ansehen. Bis er einen Freund fand – namens Ouzo. Mit ihm zusammen ließ er den griechischen Sternenhimmel auf sich wirken, und die resultierende „Sehnsucht, zu den Sternen zu fliegen“ manifestierte sich schließlich in dem sphärisch-schönen Musikstück „Höhenflug“.
Astors Instrumentalsongs sind ehrlich, unkompliziert und direkt, heimatverbunden und doch weltläufig. Zum Beispiel jene Morgenstimmung am Fuße des Kilimandscharo, wo sich der zarte Morgendunst gerade lichtet und Flora und Fauna erwacht. Oder wenn er in dem Stück „Nautilus“ abtaucht, oder mit einer Montgolfière in die Lüfte steigt. Unterwegs innehalten, sich umschauen, nach vorne blicken und Kleinigkeiten am Wegesrand betrachten: „Que suerte“, welches Glück, nennt das Astor, zum Beispiel, ein Flamenco-Seminar in Andalusien erleben zu dürfen, auch wenn es ihn nach eigener Aussage an die Grenzen brachte.
Bei einer musikalischen Weltreise dürfen Klezmer, Bossa Nova und die Rumba natürlich nicht fehlen, im konkreten Falle ein „Bossa Valente“ als Ehrerbietung für die große Caterina Valente, und eine Rumba, die eine große Liebe nicht schöner hätte konservieren können: Astor erzählte als Entstehungsgeschichte von einem alten kubanischen Ehepaar, das jeden Morgen miteinander eine Rumba tanzt – und zwar nur auf dem Areal einer einzigen Küchenfliese. Wer diese Nähe über Jahrzehnte, über jedes Unbill hinweg nicht nur aushalte, sondern jeden Tag aufs Neue beschwöre, der muss einander wirklich lieben. Ein Aufruf zum Selbsttest, in seiner romantischsten Form. Hätte Astor am Merchandising-Stand Fliesen im Angebot gehabt, sie wären weggegangen wie warme Semmeln. Beim abschließenden Cover-Medley rissen Astor und seine Musiker schließlich jeden Besucher vom Sitz, jeder Musik zuckte. Und die letztlich wirklich abschließende „Bühnenrand-Serenade“ und der „Curry-Landler“ ließ alle miteinander in anderen Sphären schwelgen.
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Fotos: Redaktion








