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„Famiglia Dimitri“ in der Wolfratshauser Loisachhalle

Verspielte Poesie und Phantasie

Wolfratshausen, 20.11.2018 – Es war ein Abend wie ein Geschenk: Mit dem neuen Programm „Dimitrigenerations“ setzte die „Famiglia Dimitri“, eine vierköpfigen Zirkus- und Varieté-Gruppe mit Nachfahren des berühmten Clowns Dimitri, kürzlich in der Wolfratshauser Loisachhalle auf verspielte Poesie und Phantasie, um das Publikum völlig in den Bann zu ziehen.

Zum besseren Verständnis: Clown Dimitri aus der Schweiz war nicht nur einer der bekanntesten Vertreter der clownesken Kunst. Er war eine weltweit herausragende Persönlichkeit und ein Meister an Präzision, Imitation, Parodie und Beobachtungsgabe. So nahm es folglich nicht wunder, dass auch seine „Familie“ bei ihrem Gastspiel in der Wolfratshauser Loisachhalle die Herzen der Zuschauer im Sturm eroberte. Selten so gelacht und mitgelitten, denn die vier Protagonisten, die Clowns, Artisten, Musiker und begnadete Pantomimen zugleich sind, machten kleine Tücken des Alltags zu einem Ereignis für sich.

Es war schon von Anfang an eine kuriose Truppe, die sich da dem Publikum präsentierte. Sie tanzten, musizierten und scherzten, und jeder dieser komischen Vögel hat seine eigenen Talente, um die Leute zum Staunen, zum Lachen und zum Träumen zu bringen: So gelang ein Zauber, der weniger artistischen Höchstleistungen zu Grunde lag, denn den feinen, wohldosierten Gesten, einer treffsicheren Mimik und einem hochpräzisen Sinn für Momente und dem Balanceakt zwischen Komik und Tragikkomik. Die Töchter von Clown Dimitri, Masha und Nina, sowie dessen Enkel Samuel bilden zusammen die „Famiglia Dimitri“ und werden bei „Dimitrigenerations“ unterstützt von Clownin Silvana Gargiulo. Sie bildet alleine mit ihrer Physiognomie einen Kontrapunkt zu den drei hageren und hochgewachsenen Familienmitgliedern und bereichert die einzelnen Szenen und Tableaus. Zum Beispiel so: Ein bisschen resolut, zumindest aber willens, am Klavier ihr Können zu zeigen, so gab sie sich in einer Szene. Allerdings hatte das Musikinstrument anderes im Sinn. Jedes mal, wenn sie auf dem Klavierhocker Platz nahm, energisch die Rockschöße hochwarf und in die Tasten greifen wollte, zog sich das Klavier zurück. Ein Katz- und Maus-Spiel zwischen der Pianistin und Instrument begann - mit furiosem Finale.

Silvana begeisterte auch in der Rolle eines etwas kräftigeren Schwans, verfolgt von Jäger mit Pfeil und Bogen. Als sich beide aber unsterblich verlieben und das in einem Pas de deux ausdrücken wollen, merken sie, dass die Rollen umzudisponieren sind: Der kräftige Schwan muss den drahtigen Jäger in die Lüfte heben, bevor sich dieser noch das Kreuz verrenkt.

Erstaunlich beweglich und anmutig gab sich Samuel auch zwischendurch, wenn er etwa einer engen Kiste entstieg, einfach nicht ohne Musik still halten mochte und deshalb aus allem ein Instrument zauberte und auch sonst für mannigfache artistisch-musikalische Einlagen sorgte.

Kunst und Komik Hand in Hand

Auch Masha und Nina begeisterten, etwa als Masha auf einem durchhängenden Seil – ja, hier passt das Wort wirklich – tanzte, zudem auf dem Rücken liegend einen Sonnenschirm mit Füßen und Armen durch die Luft wirbelte oder mit Bändern zauberte. Den musikalischen Rahmen für das zirzensische, vielgestaltige Feuerwerk schaffte die musikalische und stimmgewaltige Nina: mal an dem Charango, einem bolivianischen Zupfinstrument, mal an der Gitarre, oder aber eben auch mit der Stimme. Auch hier gingen höchste Kunst und Komik Hand in Hand, etwa in ihrer fulminanten Interpretation von „Oh Donna Clara“. Der gemeinsame, zunehmend furiose Gesangsauftritt mit Silvana am Klavier fand schließlich das zu erwartende blamable Ende – erst mit der Entblößung des Preisschildes der wallenden Perücke und schließlich gar mit deren kompletten Verlust, was die Sängerin flugs davoneilen ließ.

Die „Famiglia“ hat einen klaren Blick für kleine Eitelkeiten, die sie dem Publikum mit unwiderstehlichem Charme und der Raffinesse von Clowns mit Mimik und Gestik vor Augen führen. Ihre Talente sind eine brillante Verbindung aus technischer Perfektion, Magie und Poesie, bei dem die Vorstellungskraft des Einzelnen gefordert wird, um Geschichten zu erzählen, die (meist) keiner Worte bedürfen und trotzdem, vielleicht auch deshalb, berühren und herzlich lachen lassen.

Hinter diesen Balanceakten von Komik und Tragik stecken natürlich die unerschütterliche Liebe zur Menschheit, der feste Glaube an die Schönheit, eine Sehnsucht danach – und tiefster Humanismus. Trotz der Miseren in der Welt sind Clowns unverbesserliche Optimisten, die immer wieder aufstehen, obgleich sie schon fünfmal hingefallen sind. Im besten Fall unterhalten sich nicht nur, sondern regen an, berühren durch Szenen, liefern eine Blaupause, eigene Geschichte zu erleben, statt sich im Virtuellen zu isolieren. Es geht um etwas Uraltes, Urmenschliches, nämlich darum, gemeinsame Momente zu erleben.

Das ist den Protagonisten von „Dimitrigenerations“ nicht nur perfekt, es ist ihnen zauberhaft gelungen. Denn diesen einen Abend lang war das glückliche Publikum entführt in eine poetische Welt.


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