Gedenken an den Tag der Befreiung
Weiße Fahnen und Rock'n'Roll
Von Peter Herrmann
Wolfratshausen/Geretsried, 2.5.2020 – Weiße Fahnen wehten am 30. April aus Rathausfenstern, auf Kirchtürmen und von Balkonen. Zudem folgten viele Bürger dem Aufruf des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL), des Historischen Vereins Wolfratshausen und der Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, mit einem sichtbaren Signal an das Ende des Zweiten Welkriegs zu erinnern. Das Gedenken an den Tag der Befreiung endete am Abend mit einem Livestream-Rock-Konzert der Bonny Tones in der Geltinger Kulturbühne Hinterhalt.
Historischer Hintergrund
Am 30. April 1945 hissten die Mesnerswitwe Karolina Engelhardt und Vizemessner Ignaz Leeb am Turm der Wolfratshauser St.-Andreas-Kirche die weiße Fahne, um den amerikanischen Besatzungstruppen die friedliche Kapitulation zu signalisieren. Eine lebensgefährliche Aktion: SS-Soldaten, die zu diesem Zeitpunkt immer noch an den Endsieg glaubten, wollen die beiden noch am selben Tag hinrichten. Dass es nicht dazu kam, ist Major Dr Karl Luber zu verdanken. Der Stadtkommandant des Bataillons der Landesschützen von Wolfratshausen nahm das Fahnenschwenkerpaar in der Knabenschule am Untermarkt – dem späteren Isar-Kaufhaus – in Schutzhaft. Am frühen Abend ging Luber schließlich den herannahenden amerikanischen Soldaten entgegen und sagte ihnen: „Hier wird nicht gekämpft. Ich übergebe Ihnen hiermit den Markt Wolfratshausen!“
Breite Allianz im Nordlandkreis
75 Jahre später wehten am 30. April in vielen Kommunen des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen erneut weiße Fahnen und Stofftücher. So befestigte KIL-Vorsitzende Assunta Tammelleo, die diese Aktion maßgeblich organisierte, zwei weiße große Fahnen aus den Fenstern ihres Wohnhauses. Auch Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen und der Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, ließ gleich drei Fahnen an verschiedenen Fenstern ihres Hauses im Ickinger Ortsteil Holzen wehen. Der katholische Dekan Gerhard Beham brachte am katholischen St-Andreas-Pfarrzentrum in Wolfratshausen ein weißes Tuch an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wehten drei Banner aus dem Rathaus. Dem Aufruf folgte zudem Florian Gruber. Der evangelische Pfarrer hängte das weiße Stoffstück am Turm der Kirche St. Michael auf. In der Nachbarstadt Geretsried versorgte der evangelische Pfarrer Georg Bücheler die Petruskirche und die Versöhnungskirche mit weißen Stofftüchern, die von KIL-Mitgliedern zusammengenäht wurden. Mechthild Felsch setzte in Münsing ein Zeichen, indem sie eine regenbogenfarbene Friedensfahne und eine weiße Fahne an ihrem Balkon anbrachte.
Musikalische Hommage an die Befreier
„Mit den Amerikanern kam auch der Rock'n'Roll nach Oberbayern: Das ist die Musik der Freiheit", erklärte Assunta Tammelleo vor dem Konzert der Bonny Tones. Aufgrund strenger Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus musste der Auftritt der Wolfratshauser Band in der Kulturbühne Hinterhalt zwar ohne Publikum stattfinden.
Filmproduzent Thorsten Thane und Tontechniker Hendrik Noeller sorgten jedoch für eine Livestream-Übertragung ins Internet sowie in das soziale Netzwerk Facebook. Unterstützer konnten über einen PayPal-Button einen finanziellen Beitrag zur Deckung der Unkosten leisten. „Es fühlt sich im ersten Moment ein bisschen befremdlich an, das Publikum nicht zu sehen, aber wir machen das Beste daraus", versprach Sänger Maxi Nachtmann. Was folgte war eine kurzweilige Mischung aus Rock'n'Roll-Klassikern von Buddy Holly, Little Richard und Elvis Presley. Und am Ende gaben Maxi Nachtmann (Gesang/Gitarre), Victor Vollmer (Bass/Gesang), Timo Freyenberg (Keyboard/Gesang) und Jannik Dreyer (Schlagzeug/Gesang) sogar eine fetzige Interpretation des Drafi-Deutscher-Schlagerhits „Shake Hands" zum Besten. Passender hätte der Gedenktag am 30. April nicht ausklingen können.
Info: Der Auftritt der Bonny Tones ist unter youtu.be/-2RbEjoQkbs im Internet abrufbar.
Fotos: Stadt Wolfratshausen, privat








