Loisachhalle, Wolfratshausen
Wie im Rausch
Eine politisch nicht korrekte, aber höchst amüsante Kifferkomödie mit Diana Körner auf der Bühne der Loisachhalle
Wolfratshausen, 11.2.2019 – Wie eng doch die Merkmale der Tragödie wie auch die der Komödie miteinander verknüpft sind! Das wusste nicht nur Walt Disney ganz besonders gut, schon in der Antike begeisterten Tragikomödien die Besucher. Und bis heute habenTragikomödien nichts von ihrer Faszination verloren. Ein gutes Beispiel dafür ließ sich jüngst in der Wolfratshauser Loisachhalle erleben: Mit der Komödie "Paulette - Oma zieht durch" brachte das a.gon Theater München eine eigentlich traurige Geschichte mit urkomischen Folgen auf die Bühne und unterhielt damit nicht nur das Publikum, es fesselte, begeisterte und wirbelte alle Gefühlslagen durch. Die Besucher feierten das Ensemble dafür mit lebhaftem Beifall am Ende, allen voran Star-Mimin Diana Körner in der Hauptrolle als “Paulette”. Anna Bechstein hatte die turbulente Aufführung nach dem Vorbild des gleichnamigen französischen Kinofilms von Jérôme Enrico in eine Bühnenfassung gebracht. Das Regiekonzept verantwortet Thomas Donndorf.
Eine Oma, die “durchzieht”, das lässt zunächst an hippe, vitale Silversurfer denken, die ungeachtet jeglichen Alters ihren Enkeln locker das Wasser reichen können. Doch weit gefehlt. Paulette alias Diana Körner schockte gleich in der Eingangsszene mit ihrer Beichte bei Vater Baptiste (Hans-Jürgen Helsig), sie habe das Essen der chinesischen Nachfolger in ihrem ehemaligen Restaurant mit Schaben versetzt, aus Hass auf die "gelben Schlitzaugen". Auch vor "Schwarzen" machte ihre Hasstirade nicht Halt, obwohl der Priester, der sie zur Buße anhält, selbst farbig ist und sie ihm zugesteht, er hätte es als Einziger verdient, "weiß" zu sein.
Körner kannte als Paulette gleich zu Beginn also keinerlei Schranken mehr. Kein rassistisches und politisch unkorrektes Vorurteil blieb unausgesprochen. Menschen aller Art beleidigte und beschimpfte sie zutiefst, auch ihre eigene Tochter Agnès (Sorina Kiefer). Denn sie hatte einen “Schwarzen” geheiratet - und in der Folge verweigerte Paulette auch ihrem eigenen Enkel die Liebe.
Dieses unfassbar bösartige Auftreten ihren Mitmenschen gegenüber zeigte die Verbitterung einer Frau in einer Abwärtsspirale. Einst in der gutbürgerlichen Mittelschicht zuhause, ist Paulette inzwischen verwitwet und vereinsamt. Sie wohnt in einem der Banlieues, den französischen beziehungsweise Pariser Problemvororten, in einer winzigen Wohnung, die eher einem engen Container ähnelt (gut gelöst im Bühnenbild von Claudia Weinhart), und selbst hier nimmt ihr der Gerichtsvollzieher noch alles. Mit ihrer mageren Rente weiß sie nicht mehr, wie sie überleben soll, auch der Staat hilft nicht. Die Aussichtslosigkeit und die Gesamtumstände haben Paulette verhärtet, verbittert und ihr Denken radikalisiert. Der Nährboden, auf der die Saat des Rassismus längst schon aufgegangen ist.
Die Erfolgsformel für das illegale, aber einträgliche Geschäft ist geboren.
Eine Wendung nimmt die Geschichte, als Paulette ein Päckchen Haschisch findet und von ihrem ungeliebten farbigen Schwiegersohn, der bei der Polizei ist, ganz nebenbei die Preise für illegale Drogen erfährt. Sie beschließt in einer Mischung aus Chutzpe, Verzweiflung und Naivität, Anteil am ach so lukrativen Drogengeschäft zu nehmen. Sie bringt den Dealern den Fund zurück und will fortan mitmischen.
Drogenhändler Vito (Ricardo Angelini) glaubt, mit der "alten Oma" ein gutes Geschäft zu machen – wer hat schließlich so jemanden im Verdacht? Stets mit ihrer rot-karierten Einkaufstasche, in der sie offiziell nur Gemüse aus den Abfällen sammelt, zieht sie dann erfolgreich durchs (Publikums-) Revier, fröhlich “Haschisch” feilbietend. Enkel Léo (Vicco Farah) aber will nach einem Streit der Oma einen Streich spielen und bröselte heimlich etwas von dem "braunen Zeug" aus der Schublade in den Kuchenteig. Mit durchschlagender Wirkung: Paulettes Kartenspiel-Freundinnnen Renée (Anne Stegmann) und Lucienne (Renate Koehler) kosten und kichern fortan. Die Erfolgsformel für das illegale, aber einträgliche Geschäft ist geboren: Wer misstraut schon einer alten Frau, die „Selbstgebackenes" verkauft?
Paulettes Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit in den Pariser Vorstädten und wirft natürlich Fragen auf. Fragen nach der Moral und ob es immer freie Entscheidungen sind, die ein Mensch trifft. In dem Bühnenstück steckt eine gehörige Portion Sozialkritik, die die weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Alter und Armut zeigt. Ein ernstes Thema, das jedoch befreit von jeglicher Moralinsäure daherkommt, und stattdessen über die teils komischen, teils schrägen Aspekte beherzt lachen – und trotzdem nachdenklich werden lässt. Die Inszensierung zeigt insbesondere zu Beginn klar umrissene soziale Umstände und nimmt schließlich an Fahrt auf, weil sich die Handlung zuspitzt, die Polizei nicht schläft und lockere Sprüche jeder Larmoyanz entgegenwirken.
Ja, auch das muss gesagt sein: Neu ist der Plot nicht. Zum einen ist die französische Geschichte von 2013 eng angelegt an die britische Komödie “Grasgeflüster” (im Original: Saving Grace) aus dem Jahre 2000, die in der Skurrilität der Charaktere unübertroffen bleibt. Und auch diese Geschichte hat ihre Wurzeln bereits bei Cheech Marin und Tommy Chong. Doch davon abgesehen war es das Ensemble auf der Bühne der Loisachhalle, die das Ganze trug, prägte, herausragend spielte, mitriss und vergleiche in den Hintergrund drängte. Die Darsteller, teils in Mehrfachrollen, agierten in deutlicher Spiellaune, Körner selbst brachte die nötige Präsenz, Kessheit, Glaubwürdigkeit und Wandlungsfähigkeit mit, dass sie Paulette nicht nur darstellte, sondern verkörperte.
Wie wird Jérôme Enrico schließlich so schön im Begleitheft zitiert? “Wir wollten bis zum Ende unmoralisch bleiben...” Am Ende des Stücks, bei dem Paulette zwar nicht geläutert, aber wesentlich toleranter und positiver gestimmt ist, bleiben zwar Fragen im Kopf. Etwa die nach der Moral und ob der Zweck stets die Mittel heiligt. Doch die Begeisterung des Publikums zeigte klar, dass man mehr und mehr Sympathien für Oma Paulette aufbaute, je mehr sie versuchte, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen und damit auch ihre Härte und Verbitterung der Hoffnung wich. Dass der Anlass ausgerechnet Drogen waren, erhöhte nur die Fallhöhe und damit die Spreizung von Tragik und Komödie. Bravo also, und tosender Applaus!
Fotos: Redaktion









