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„Queenz of Piano“ in der Loisachhalle Wolfratshausen

Wirbelstürme über den Tasten

Wolfratshausen, Red., 25.11.2019 – Mit den „Queenz of Piano“ finden zwei besondere Interpretinnen den Weg nach Wolfratshausen – und inspirieren das Publikum in der ausverkauften Loisachhalle mit einem virtuos-kabarettistischen Exkurs durch die Musikgeschichte.

Zugegeben, überschäumende Lebensfreude sieht anders aus: In vielen Konzerten der klassischen Musik sitzt das Auditorium stundenlang mucksmäuschenstill und lauscht ehrfürchtig der großen Kunst. Wehe, jemand bewegt sich oder hustet gar, oder begeht den ultimativen Fauxpas und klatscht zu früh. So erhebend die klassische Musikliteratur auch ist, der moderne Konzertbetrieb ist oft eine steife Angelegenheit. Was wiederum Hemmschwellen wachsen lässt.

Dass es auch anders geht – nämlich höchste musikalische Kunst mit einem geradezu berauschenden Schwung und fantastischen Brückenschlägen ins Hier und Jetzt ganz nah an die Menschen zu bringen -, das hat das junge Duo „Queenz of Piano” alias Jennifer Rüth und Ming kürzlich in der Loisachhalle mit einem so begeisternden wie furiosen Auftritt bewiesen. In ihrem Programm mit dem herrlich doppeldeutigen Titel „verspielt” überschritten sie nonchalant die Grenzen von U- und E-Musik. Ihre klassische Ausbildung hat ihnen die Leichtigkeit nie genommen, im Gegenteil: „Tagsüber Bach und Beethoven, nachts aber Bon Jovie und Dieter Bohlen”, verrieten die Pianistinnen mit einem Augenzwinkern, und nahm das Publikum mit auf einen wilden Ritt durch die Musikgeschichte. Nicht nur Barock, Klassik, Pop, Jazz, Blues, Rock, Filmmusik und Eigenkompositionen gab es da auf die Ohren. Das Duo zeigte auch, dass ein Flügel wie eine Gitarre klingen kann und mitunter auch als Percussion-Instrument taugt. Sogar für akrobatische Nummern eignet sich das Piano, wenn man denn auf dem Rücken liegend mit überkreuzten Händen spielt und die Beine lasziv in die Lüfte streckt.

Wie gelungene Integration klingt

All das war nicht nur Unterhaltung pur, sondern beinhaltete auch eine Botschaft: „Wenn man einen Fehler macht – kann noch etwas viel Besseres dabei herauskommen.” Also bürsteten die beiden Musikerinnen ganz bewusst so manch eingefahrene Hörgewohnheit gegen den Strich. Unter ihren Händen traf zum Beispiel Händels „Freude schöner Götterfunken” in einem furiosen Quodlibet auf den Ohrwurm „Happy” von Pharrell Williams. Und immer wieder lernte das Publikum spielerisch dazu. Kennenzulernen war beispielsweise das wundersam klingende, berührungslos gespielte Theremin, das kaum jemand kennt, aber fast jeder im Ohr haben dürfte: Von diesem Instrument stammen die markante Töne der Titelmelodie von „Star Trek – Raumschiff Enterprise”. Auch eigene Kompositionen servierten die beiden, etwa das elegant dahinschwebende „On the Fly” von Rüth. So wie die Pianistinnen Klassik und Moderne in ihrem kraftvollen vierhändigen Klavierspiel verwoben, so wechselten sie zwischendurch auch rasant zu Geschichten und Anekdoten mit jeder Menge Wortwitz. Manchmal gerieten ihre komödiantischen Passagen sogar zu politisch-kabarettistischen Seitenhieben. Wie etwa gelungene Integration klinge, fragten sie rhetorisch. Für die Antwort müsse man nur ein Ohr öffnen für den Jazz – wo die sogenannten blue notes auf das westliche Tonsystem treffen und eben jener Spannungszustand zwischen unterschiedlichen Skalen und Stimmungen verantwortlich zeichnet für die wunderbare neue Musikrichtung, die daraus entsteht.

Auch der direkte Dialog der Pianistinnen mit dem Publikum produzierte Pointen. So stellte sich auf ihre Nachfrage schnell heraus, dass in Wolfratshausen eher weniger Liebesbriefe geschrieben werden, aus guten Gründen: „Meine Frau hat mir ganz schnell die emotionale rote Karte gezeigt und ist wieder ausgezogen”, antwortete ein Gast auf die Frage, welche Wirkung sein erster Liebesbrief hatte. Doch klassische Fettnäpfchen wie diese unterstrichen nur den Charme des Abends. Und wie inspirierend ihre unbekümmerte, aber eben auch virtuose Herangehensweise an die Musik war, zeigte sich schnell: Der Publikumschor sang nicht nur das bluesige „Minnie the Moocher” mit, sondern auch ausgefallene Scat-Refrains. Der Funke war da längst übergesprungen. Erfrischende Unterhaltung und hohe Kunst zugleich, das den tosenden Applaus redlich verdient hatte. Schließlich gab es nur glückliche Gesichter nach diesem kurzweiligen Abend, der eine These von Friedrich Nietzsche einwandfrei bewiesen hat: Ein Leben ohne Musik ist ein Irrtum.

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