Historischer Verein Wolfratshausen
Wolfratshauser Weibsbilder verdienen Respekt
Von Peter Herrmann
Wolfratshausen, 20. 4. 2021 – Zahlreiche Frauen haben die über 1000-jährige Geschichte der ehemaligen Marktgemeinde und jetzigen Stadt Wolfratshausen mitgeprägt. An ihre Verdienste erinnert nun eine neu gegründete Arbeitsgruppe des Historischen Vereins Wolfratshausen, der sich eine teilweise weibliche Neubenennung von Straßen und Plätzen wünscht.
Bürgern dürfen Vorschläge einbringen
„Wir wollen zeigen wie interessant, verdienstvoll und vielschichtig die weibliche Seite der Wolfratshauser Geschichte ist“, erklärte Krafft. Den Impuls gab eine Aktion von sechs Wolfratshauser Stadträtinnen, die anlässlich des Weltfrauentags am Kathi-Kobus-Steig für Gleichberechtigung und weibliche Neubenennungen von Straßen demonstrierten. Ein dementsprechender Antrag steht am 20. April auf der Tagesordnung des Stadtrats. Für die Präsentation der neuen Arbeitsgruppe „Wolfratshauser Arbeitsgruppe" suchte sich die Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen gemeinsam mit ihrem Vorstandskollegen Bernhard Reisner die Isarbrücke an der Pupplinger Au aus. Die dortige Marienstatue wurde im September des vergangenen Jahres nach jahrzehntelanger Verbannung wieder gut sichtbar in der Brückenmitte aufgestellt. Nun wollen die Hobby-Historiker an weitere in Vergessenheit geratene „Frauenschicksale“ erinnern. Dass weibliche Persönlichkeiten aus der über 1000-jährigen Stadtgeschichte in Form eines Straßennamens gewürdigt werden, hat für Sybille Krafft indes keine Priorität. „Wir begeben uns auf Spurensuche und laden auch unsere Mitbürger zum Mitmachen ein“, appellierte sie.
Vom Marktgeschlerf bis zur Farchet-Lady
Der Historische Verein hat vorerst eine Liste mit 45 weiblichen Namen zusammengestellt. Derzeit arbeitet jeweils ein Mitglied an einer Biografie. So beschäftigt sich Vize-Vorsitzender Bernhard Reisner mit Anna Riederauer, die zwischen 1926 und 1941 als Dienstmädchen in der Littig-Villa arbeitete und später als sozial engagierte „Farchet-Lady“ von sich reden machte. Anja Brandstäter fasziniert die Geschichte von Maria Franziska Arnold. Sie errichtete im 18. Jahrhundert den Haderbräu-Keller auf dem Mühlberg. Dass die Münchner Wirtstochter zudem noch elf Kinder gebar, ist vor diesem Hintergrund umso beachtlicher. Rund 150 Jahre später bildete Käthe Meier junge Frauen in der jüdischen Mädchenschule von Wolfratshausen aus. Eine Herausforderung, die aufgrund der scharfen Rassengesetze während des Nationalsozialismus zum Scheitern verurteilt war und nun von Hannelore Greiner in Erinnerung gerufen wird.
Sybille Krafft befasst sich mit der Geschichte von Anna Kubat. „Die gebürtige Ukrainerin wurde 1942 zur Zwangsarbeit in den Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst verurteilt und später ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert“, berichtete Krafft. Weitaus glamouröser war das Leben von Lou-Andreas-Salomé (1861 – 1937), mit deren Biografie sich Wolfgang Schäl beschäftigt hat. Die Schriftstellerin verbrachte mit dem Lyriker Rainer Maria Rilke einen leidenschaftlichen Sommer in Wolfratshausen. Viele Sagen und Mythen ranken sich um das „Marktgschlerf“, dessen furchterregende Maske auch schon auf Wolfratshauser Faschingsumzügen und bei der Starkbierfest-Aufführung der Loisachtaler Bauernbühne zu sehen war. Laut den Recherchen des ehemaligen LBB-Vorsitzenden Ludwig Gollwitzer soll die Hebamme im 13. Jahrhundert den Tod eines Neugeborenen verschuldet haben. Nicht wenige Wolfratshauser glaubten, dass sie später als sechs Meter großes Gespenst mit laut schlurfenden Holzschuhen durch die Marktstraße spukte und in die Häuserfenster schaute.
Info: Vorschläge bzw. eine Mitarbeit bei der Verfassung einer Wolfratshauser Frauenbiografie sind ausdrücklich erwünscht. Kontakt unter: info@histvereinwor.de
Foto: Peter Herrmann





