Andreas Giebel beim Geretsrieder Kulturherbst 2012
Einkaufsbummel bunter Gedanken
von Andrea Weber
Ein Tisch, ein Stuhl und Andreas Giebel, mehr war da nicht auf der großen Bühne im Geretsrieder Kulturherbstzelt. In seinem zweistündigen Programm saß der Kabarettist höchstens zwei Minuten an diesem Tisch, ansonsten war er auf der ganzen Bühne unterwegs und traf mit seiner körperstarken Ausdruckssprache auf seine imaginäre Nachbarschaft am sogenannten Karl-Dingshammer-Platz (Namensähnlichkeiten sind rein zufällig). Es war ein Abend voller Gedanken und Geschichten mit trockenen Pointen im richtigen Moment. Der Münchner Kabarettist begeisterte im fast vollbesetzten Kulturzelt.
Über das Alltagsgeschehen seiner Nachbarschaft will Giebel einen Roman schreiben und hat bereits einen Schreibtisch voller einzelner Sätze gesammelt. Was ihm fehlt ist der Anfang und das Ende der Geschichte und ein passender Titel dazu: „Wie wäre es denn mit „Schattenblume der Sehnsucht“, oder so?“ Nein, so schwülstig ist der Giebel nicht, seine Geschichten beschreiben das wahre Leben, so grotesk es ist und so wunderlich die Menschen darin sind. Immer wieder trifft er sie: Fräulein Lydia aus dem Blumenladen, die gerne Aktmodell von Maler Max wäre, dem Pointillist aus dem Atelier im ehemaligen Supermarkt – „Sie wissen schon, einer der die Bilder mit dem Pinsel tupfelt“. Auch er selbst war schon mal ein Aktmodell. „Keine Sorge, ich deute es hier nur an“, sagte er und kroch sogleich mit seiner kompakten Figur etwas ungeschickt auf den Tisch, der in der Mitte der Bühne stand, um sich als Dichter, Denker oder meditativer Buddha zu positionieren.
Giebel ist ein guter Kerl, einer, der keine bösen Späße über die Unzulänglichkeiten der anderen macht, obwohl er doch gerne seine Reflexionen weiter spinnt, beispielsweise zum Harndrang-Problem des Bestatters Jan Kobitzki: „Wussten Sie, dass es Notdurft-Komparsen gibt, die die Stars bei der Oskarverleihung doubeln? Und wussten Sie, dass Politiker Windeln bei Talkshows tragen? „Wenn die in sich gekehrt schauen, wissen Sie jetzt warum.“
Giebel redet unaufhörlich und ist in ständiger Bewegung. Man könnte sich die Ohren zuhalten, dann würde man die verschiedenen Themen immer noch verstehen. Er mimt die elitäre Kunstgesellschaft auf einer Vernissage, er mimt die Trinkbrüder im Weser-Eck und hört sich ihren „Schmarrn“ an, und schreitet die Bühne ab, und teilt die Fläche in ein imaginäres Einkaufszentrum ein. Dann schiebt er seinen hypothetischen Einkaufswagen vorbei an unsichtbaren Regalen mit Hundefutter, Haushaltswaren und Gemüseständen und kommt dabei immer wieder an einer „netten Probier-Damen“ vorbei – alles nur ausgedacht. „Möchte der Herr Kieler Sprotten kosten und ein Schlückchen Küstennebel nehmen?“, säuselt Giebel in heller Damenstimme. Mit dem weggestreckten Finger spült er das Zeug hinab und schiebt geistig vernebelt den Wagen zur Kasse. Giebels aktuelles Programm mit dem Titel „Das Rauschen in den Bäumen“, war eher ein Einkaufsbummel bunter Gedanken – so wie das Leben am Karl-Dingshammer-Platz spielt.




