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Kabarettist Urban Priol im Kurhaus Bad Tölz

Auf dem Gipfel der Kabarettkunst

Von Claudia Koestler

Bad Tölz, 10.6.2015 - Urban Priol, vielen noch bekannt aus seiner ZDF-Sendung "Neues aus der Anstalt", hat ein neues Live-Programm. Mit "Jetzt", das er am Feitag in Bad Tölz präsentierte, belegte er, warum ihm derzeit kaum ein anderer Kabarettist das Wasser reichen kann.

Priol ist Meister des wortgewaltigen, scharfzüngigen, misanthropischen, politisches Kabaretts, das einhergeht mit blitzschnellen Verknüpfungen und klugen Verweisen auf politische Sachverhalte. So pointiert, so tiefgründig, so befreiend witzig zugleich, dass er das Mit- und Nachdenken des Publikums nicht nur anregt, sondern herausfordert. Und das, obwohl es keineswegs leichte Begleitumstände waren: denn die subtropische Hitze an diesem Abend staute sich im ausverkauften Tölzer Kurhaus. Doch das focht Priol nicht an: Glatte eineinhalb Stunden spielte er voller Verve durch, ehe es eine kurze Verschnaufpause gab für die zweite Hälfte, die auch nicht wesentlich kürzer verlief.

„Entschuldigung für die paar Minuten Verspätung“
Die äußeren Umstände also berührten Priol nicht. Dafür nutzte er die  Steilvorlagen der Stunde, etwa den jüngsten Fifa-Skandal und natürlich den G-7-Gipfel in Elmau. „Entschuldigung für die paar Minuten Verspätung“, sprach er das Publikum eingangs an. Er gucke immer noch in der Garderobe ein paar Minuten Tagesschau, man könne schließlich nie wissen. Er habe ja auch seine 2015er Tour geplant und sich dabei gedacht, och, so Ende Mai, Anfang Juni, da mache er „einen auf gemütlich“ und suche sich „eine ruhige Gegend“ aus: „Letzte Woche war ich in Basel und Zürich, gestern in München, heute in Tölz, übermorgen dann in Garmisch...“ In der Schweiz sind  Fifa-Funktionäre also festgenommen worden, Sepp Blatter zurückgetreten: „Wohl, weil er sich selbst einen Umschlag überreicht habe - ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte“, sagte Priol dazu.

„Gemein, ja, aber nützig?“
Dass die Fifa ein gemeinnütziger Verein sei, das habe er sowieso nie verstanden: „Gemein, ja, aber nützig?“ Ihn selbst zieht es nun weiter, nach Garmisch. Zum Wandern. „Was aber angesichts des Polizeiaufgebots wohl eher betreutes Wandern werden dürfte“, vermutete Priol. 25 000 Polizisten müssten in diesen Tagen „diese sieben Hansel beschützen, damit die mal wissen, wie beliebt sie sind“, sagte der Kabarettist. Rund um Elmau sei bereits alles umzäunt: „Da werden die Regierungslenker erstaunt sein, denn sie wussten gar nicht, dass Nordkorea so schöne Berge hat“, ätzte Priol. Dafür habe Innenminister Herrmann sich rührend um das Wohl der Demonstranten gesorgt und ein Camp an der Loisach verhindert - wegen Hochwassergefahr. Weil er „Wahrheiten so schön zurechtbiege“, sei Herrmann nach Ansicht von Priol inzwischen für höhere Aufgaben qualifiziert - „Fifa-Funktionär etwa.“

„Souveränes Auftreten bei gleichzeitig völliger Ahnungslosigkeit“
Doch Priol ließ auch weitere Themen der Politik und Gesellschaft nicht aus: Von der GroKo („diese antiparlamentarische Schrankwand“)über das Hecheln der Parteien nach Pfründen, einer neuen deutschen Streikkultur („Weselsky: Nach 25 Jahren musste wieder einer aus dem Osten kommen und die Reisefreiheit einschränken“) und veritablen Politskandalen wie der Abhör-Affäre. Das eigentlich Skandalöse dabei aber: Die Trägheit der Massen. „Wer regt sich denn noch auf? Wir haben offenbar  einen Generationenvertrag der Gleichgültigkeit“, sagte Priol. Die Generation Facebook werde höchstens sauer, wenn die Spione nach dem Spähen nicht den „Gefällt mir“-Button drückten. Und währenddessen perfektionierten Politiker ihr derzeitiges Wesen: „Souveränes Auftreten bei gleichzeitig völliger Ahnungslosigkeit“.
 
Doch am „Heiligenbild unserer nachhaltig formidablen Führungskraft zu kratzen, das ist Majestätsbeleidigung unserer Marienerscheinung“, wusste Priol. Doch ihnen allen gab der Kabarettist eins mit: Angela Merkel, die anders als Putin "keine Oppositionellen ausschalten müsse, weil es erst gar keine Opposition mehr gibt". Oder Alexander Dobrindt, dessen „Schaukel als Kind wohl zu nah an der Hauswand stand“. Oder Horst Seehofer, "der Quartalsirre aus Ingolstadt", Schäuble, der "ehemalige Schwarzgeldkoffer-Schlepper" und Von der Leyen, "die letzte Blendgranate im Munitionsdepot". Ach ja, und die FDP, die gerade wieder den Aufschwung probt: Mit einer Erbin einer Fabrik für Schrumpfbeutel aus Plastik als Gewinnerin der jüngsten Kommunalwahl - "besser kann man die FDP nicht beschreiben", fand Priol. Natürlich sind seine Auftritte politisch provokant und unkorrekt sowieso, aber sie sind nie gehaltlos. Scharfzüngig ist Priols Monolog, vor Einfällen und Metaphern sprühend, ein Auftritt, der nicht nur ein Feuerwerk an Pointen, höchste Konzentration, sondern auch ein hohes Maß an schauspielerischen und stimmschauspielerischen Fähigkeiten abverlangte – ganz abgesehen von Priols offenbarer Hitzebeständigkeit. Das Publikum goutierte die Qualität des Abends. Immer wieder gab es Szeneapplaus für ein besonders scharfzüngiges Wort, eine besondere Pointe, und am Ende rauschenden Applaus für jenen Satz, der alle Bögen schloss: "Es ist Zeit aufzuwachen, und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Dabei waren die Tölzer schon längst hellwach, der Hitze und dem Sauerstoffmangel zum Trotz.
 

Fotos: Claudia Koestler

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