Interview mit Willy Michl
„Isarindianer“ und Bluesmusiker
München, 7.12.2013 - Handwerklich perfekte Mitsinghymnen kreiert er fürwahr, aber das ist längst nicht alles. Denn Willy Michl ist eine Bühnenpersönlichkeit, der die Menschen als Musiker genauso berührt wie als Geschichtenerzähler. Und jemand, der als Mitglied des „Isarindianer“-Stammes ganz besondere Atmosphären schafft. Genau solche Freigeister und Querdenker wie Michl sind für Bayern wie das Salz in der Suppe oder eben die Kiesel in der Isar. Derzeit kann man den „Isarindianer“ und Bluesmusiker wieder in Konzerten im Oberland erleben. Unter anderem darf man sich auf Auftritte im Münchner Schlachthof und dem Lustspielhaus freuen mit ihrem seelenwärmenden Lagerfeuergefühl, wenn inmitten der großen (Fan-)Gemeinde dem musikalischen Häuptling gelauscht wird. Vorab aber nahm sich Michl Zeit für ein paar Fragen – über ihn, die Musik, die Isar, das vierte Element und die fünfte Dimension.
Willy Michl live
- 25.12.2013 im Münchner Lustspielhaus, Karten bei mehr…
- 09.01.2014 im Münchner Schlachthof, mehr…
Karten gibt es bei Münchenticket und Eventim.
Oberland.de: Man kennt Sie als Willy Michl, Isarindianer und „Sound of Thunder“. Welcher Name ist Ihnen denn am nächsten? Oder gibt es gar noch weitere?
Willy Michl: „Also, mein eigentlicher Name ist Wilhelm Karl Michl. So bin ich getauft - traditionell! Der Name folgte meinen beiden Großväter und meinem Vater, so wie das hier in Bayern üblich war. Später, in den 60er Jahren, gab mir mein Vater den Name "Willy" mit "Y" . Denn ich bekam andauernd Liebesbriefe von hübschen Mädchen und er wollte, dass meine Mutter unterscheiden konnte, an wen die Briefe gingen, da er doch den gleichen Name "Wilhelm" und somit kurz "Willi" hatte wie ich. Somit wurde dann, wie er es als Oberhaupt der Familie anordnete, „meine“ Post nicht mehr aufgemacht. „Sound of Thunder“ hingegen ist mein spiritueller Name, den ich von meinem langjährigen Gitarristen und Geistbruder Peter Schneider („The Stimulators“) bekam, als wir zwischen 1980 und 1990 überall in Bayern und in ganz Deutschland unterwegs waren. Neben all meinen anderen Geisternamen, etwa „Changin' into the Spirit of Crazy Horse“, „Little Wind“, „Heart on Tongue“, „Einsamer Mann Isna, der auf dem Schneeferner lebte“, „Schlagendes Herz“, schreibe ich in meiner Autobiographie von mir auch als „Traumwanderer“. Mein weiterer Name „Donnerschall“ wurde in viele Welt- und indigene Sprachen übersetzt. Indianer sagen, ein Mann zählt für so viele Männer , wie sein Name in verschiedenen Sprachen existiert und er in diesen Sprachen etwas sagen kann. Ich bin also viele Männer.“
Sind sie als Indianer geboren und wurden Sie irgendwann Indianer?
„Ich bin ein Bayerischer Indianer, ein Indianer im Geiste und als solcher geboren. Ich bin „Isarindian“. Von Kindheit an folgte ich meinen Träumen und so wurde ich das, was ich heute bin. Ich begegnete einigen Angehörigen indianischer Nationen und es gab nie einen Zweifel, dass auch ich insofern ein indigener Mensch bin, und zwar als Ureinwohner meiner Heimat des ISAR-Landes. Es war ein Yankton Sioux, der, als man ihn fragte, zu welchem Stamm ich gehöre, ausrief "Isartribe". Ja, und seit diesem Tag im Juli 1996 gibt es das Wort „Isarindian“.“
Sehen sie sich eher als Musiker oder als Geschichtenerzähler?
„Ich bin beides. Ein richtiger Musikmann, Komponist, Textdichter, Liedermacher (Singer-Songwriter) und Bühnen-Künstler, also Performer. Ich bin Gitarrist und Sänger, und ich bin Schriftsteller, insofern also natürlich auch Geschichtenerzähler. In meinen Konzerten spiele ich neben meinen Bluessongs und Rockballaden auch Talkin'blues, mal mit tragischen Themen, mal mit lustigem Inhalt. Das wird ja von einem echten Bluessinger auch erwartet, da muss auch teilweise extemporiert werden und etwas gesungen, das vorher noch nie gebracht worden ist. That´s the blues!“
Welche Rolle spielt Spiritualität in ihrem Leben und in ihren Konzerten?
„Alles, was es gibt, ist des Geistes. Was nicht des Geistes ist, ist auch nicht indianisch. Jeder Baum, jeder Strauch, das kleinste Blümlein, alle Tiere, sogar ein Moskito und ein Fisch, alle Sterne, die Elemente, der Berg und der See und der Fluss: Alles, alles hat einen Geist. Diesen Geist zu sehen und zu verstehen ist die Aufgabe jedes vernünftigen Menschen. Davon singe ich, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne den Anspruch auf ein Lehramt. Es gibt keine Dogmatik und keine Amtsreligion eines Indianers. Es geht um das vernünftige Verstehen und Erkennen unserer Verwandtschaft mit allen Dingen und allen Wesen. Das ist indianisch.“
Lassen Sie zwischendurch einmal alles stehen und liegen, um einfach abzuschalten oder inkognito zu sein?
„Ich brauche nicht abschalten, denn ich bin nicht eingeschaltet. Ich bemühe mich, mit den Gegebenheiten der Zeitläufte zurecht zu kommen. Das ist nicht immer einfach. Das Schwierigste ist es, zwischen den Welten, also der geistmäßigen Welt und der Gesellschaftswelt unseres Jahrtausends, hin und her zu beamen. Hierfür benutzt ein Indianer eine Zeremonie, die uralten Gesetzmäßigkeiten folgt. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem Versuch vieler Esoteriker, den gegebenen Sachzwängen und dem Diktat einer "geistlosen" Gesellschaft durch irreale und wirre Vorstellungen zu entkommen. Das sollte man nicht durcheinander mischen. Ein richtiger Indianer wird immer die tatsächlichen Gegebenheiten des Daseins mit seiner Geisteswelt und der Geisterwelt aller Wesen in "Einklang" bringen - so gut es eben geht.“
Sie sind ein sehr freiheitsliebender Mensch. Welchen Preis mussten Sie dafür bezahlen oder ist Freiheit das höchste Gut?
„Den höchsten Preis gibt ein Mann wie ich für seine Freiheit. Wenn es sein muss, gibt er das eigene Leben. Das tut er für sich, seine Familie, seine Freunde, seinen Clan, sein Volk und für alle Wesen und die Erdmutter selbst. Das ist indianisch!“
Haben Sie jemals einen Weg oder eine Entscheidung bereut?
„Niemals!“
Waren Sie schon mal am Mississippi, dem Ursprung des Blues?
„Nein!“
Welche (musikalischen) Vorbilder haben Sie?
„Ich habe viele Vorbilder in der Musik der Jahrhunderte, ja sogar der Jahrtausende. Jedoch habe ich nie berühmte Künstler, Sänger oder Bands oder welche Stars auch immer imitiert. Ich verehre alle großen Komponisten von Mozart bis Theodorakis, von Verdi über Brahms und Bach oder Hindemith, Richard Strauß bis Penderecky und Stockhausen bis zu Ralph Siegel. Natürlich und sowieso die berühmten Jazz- und Bluesmusiker, Orchester wie die von Glenn Miller, Benny Goodman und Count Basie, selbstverständlich auch Jimmy Hendrix und den großen Rockpoeten Bob Dylan. Genauso auch meinen Bruder Konstantin Wecker und alle meine Kollegen wie die „Spider Murphy Gang“ und viele mehr. Ich denke, der Heilige Kreis aller wahren Musiker, zu dem ich mich zähle, ist eine Gesellschaft von Jedi-Rittern, die mit dem Talent, das der Große Geist, also Gott, ihnen gab, das Herz der Menschen rühren und ihren Verstand in angenehme Tätigkeit versetzen. Das ist die Musik: Sie hat 7 Töne und 5 Halbtöne - mehr ist es nicht. Und das ist mein Vorbild!“
Ihre bekanntesten Lieder sind „Isarflimmern“ und das „Bobfahrerlied“. Gibt es ein Lied, das ihr persönlicher Favorit ist oder eine besondere Bedeutung für Sie hat?
„Für mich haben alle meine Lieder, es sind weit über 100 bei der GEMA registrierte Werke, die gleiche Bedeutung. Ich bin ein mäßiger Bürohengst und alles andere als ein tüchtiger Papiersortierer. Seit ich einen Computer habe - ich bekam von meinem Neffe Sami 2008 einen i-Mac-Desktop - ist es etwas besser. Also hat der "Compu", wie ich ihn nenne, auch was Gutes!“ (Lacht herzlich auf)
Wie entstand einst „Isarflimmern“?
„Das war ein Traum, den mir der Schwarzecker Bach, der im Dorf Ramsau im Berchtesgadener Land vorbei am Schluchtweg zur Ramsauer Ache fließt, durch sein Rauschen ins Herz legte. Dieser Bach ist, wie alle kleinen Wasser und auch die großen, mit der Isar auf's Engste verwandt. Das bis dahin nicht existente Wort für meinen Songtitel "Isarflimmern" stammt von meinem Freund Joseph Gallus Rittenberg , einem der großen Weltfotografen aus Wien. Er war es , der das Wort „Isarflimmern“ geprägt und es mir, seinem lieben Geistbruder, mitgeteilt hat. So entstand das Lied. Es ist übrigens nie im eigentlichen Sinne geschrieben worden. Erst, als es auf Platte aufgenommen und vervielfältigt war, hat man den Text festgehalten.“
Was macht für Sie die Faszination der Isar aus?
„Die Isar ist heilig. Sie übt, wie alle Flüsse der Erde, getreu die ihr vom Großen Geist oder Großem Geheimnis übertragenen Aufgaben aus. Flüsse transportieren das Wasser, das vom Himmel kommt, das von den Gletschern zu Tal fließt oder aus den Quellen der Erdmutter entspringt, unablässig zum Meer. Das ist ihre gottgegebene Aufgabe, die sie niemals, zu keinem Augenblick unterlassen. Die Flüsse sind es, die das Gesetz und den Willen des Großen Geistes erfüllen. So sind sie auf ihre Art auch Lehrer des Menschen. Nicht der Fluss gehört den Menschen, sondern der Mensch dem Fluss. Wer den Fluss liebt und denselben wahrhaft respektiert und "ehrt", wird lange leben. Wasser ist das Leben!“
Was prädestiniert den Fluss für den Klang den Blues? Welche Verbindung sehen Sie zwischen den Bajuwaren und dem Blues?
„Die Verbindung zwischen den Bajuwaren und dem Blues heißt „Isarindian Willy Michl“. Und der Fluss hat die schönsten Klänge neben dem Rauschen der Bäume und dem Gesang der Sterne. Ein Isarindianer kann das verstehen. Und es gibt viele von uns - wir sind „Isarindians“. Das hat übrigens neben vielen anderen unserer Kollegen und Zuhörer auch Konstantin Wecker gesagt, der wie ich ein Isarindianer ist.“
Ist das Bairische besonders geeignet für den Blues?
„Ja, sogar sehr gut! Das kommt von den schönen Vokalen, die wir in unserer Sprache haben und auch aus unserem Geist. Bayern war seit Jahrtausenden ein Durchgangsland für alle Völker des „Pferdelandes“, wie ich Europa nenne. Und so haben wir auch die Musik der Besatzer angenommen, als der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war und die Amerikaner uns ihre Musik mitbrachten.“
Was macht für Sie der Blues aus? Sehnsucht? Verarbeitung? Melancholie, Herzschlag oder Kraft?
„Ois is Blues“, so heißt meine bekannteste Platte. Der Blues ist nicht nur Musik, sondern auch eine Lebensart, eine Haltung. Der Blues hat alle Facetten der Gefühle, die es gibt. Und es gibt in der Musik, die, wie wir wissen, 7 Töne und 5 Halbtöne hat, noch eine "Blue Note". Und wer diese kennt und liebt, wer diese respektiert und ehrt, der hat den Blues, und kann denselben spielen, wenn er zusätzlich noch das Metrum des Blues kennt. Das ist eine empirische Sache, eine Wissenschaft ohne Universität. That´s the Blues!“
Touren Sie bundesweit?
„Ich bin immer „on the road“. Ich habe nie getourt, aber das ist eine lange Geschichte, die damit zusammenhängt, dass ich ein Hardcore -“Indie“ bin, also ein Künstler, der keine Plattenindustrie-Verträge hat. Auf meiner Website www.isarindian.com wird darüber einiges mitgeteilt.“
Ist eine neue CD in Arbeit?
„Ja! Sie trägt den Arbeitstitel „Isarindian - Willy Michl Pur“, ich arbeite seit 1982 daran.“
Was ist für Sie obergut am Oberland?
„Es gibt in Bayern, und nicht nur im Oberland, eine „Szene“ von freigeistigen Menschen und es gibt eine „Szene“ der "Eygnahten", und sogar die sind gewissermaßen freigeistig.
Die Bayern sind ein sehr eigensinniges und liebenswürdiges Volk. Ich bin auch ein Bayer und ich will ein Bayer bleiben, solange mein Herz schlägt, und selbst dann, wenn es nicht mehr schlägt! Ich würde nie etwas anderes sein wollen. So wie Dieter Hildebrandt, der woanders herkam und der trotzdem ein Bayer war. Ein großer Löwe war er und das möchte auch ich sein.“
Was möchten sie dem Publikum bei einem Auftritt mitgeben oder erreichen?
„Ich will den Menschen mein Herz zeigen und ich will, dass sie einen schönen Abend haben mit geistreicher Unterhaltung. Dafür habe ich auf meinem Instrument geübt und es zu einer gewissen Fähigkeit gebracht, etwas zu spielen, das nur ich kann. Und ich gebe meine Stimme, die mir der Große Geist schenkte, dazu. Dann singe ich und den Zuhörern gefällt das. So haben wir beide, das Publikum und auch ich, unsere Freude. Das ist es, was jeder Musiker will. Denn die gute Musik entsteht aus der Freude am Musizieren, und das gebe ich weiter. Es ist eine alte indianische Weisheit: Nur ein gebendes Herz ist auch fähig, etwas zu empfangen, etwas zurück zu bekommen.“
Ein Abend mit Willy Michl kann ein langes Vergnügen werden. Wie spontan sind ihre Setlisten?
„Ja, es sind weit über 100 Songs, die ich habe, und dazu kommen noch zahlreiche internationale Titel. Aus diesem Schatz wähle ich aus, was mir die Geister einflüstern, wenn ich auf der Bühne bin. So sind die Konzerte immer anders. Wer also in ein „Willy“-Konzert geht, kann zu jedem Konzert kommen. Denn es ist immer unterschiedlich und oft ganz anders. Das unterscheidet mich von meinen Kollegen. Aber dadurch, dass ich Solokünstler bin, ist das eben auch leichter möglich. Die richtigen amerikanischen Bluesmusiker machen das allerdings auch mit ihren Bands. Das ist das Geheimnis des Blues, das kennen nur wir und jeder richtige Bluesman.“
Auf was können sich die Zuhörer im Lustspielhaus und im Schlachthof freuen? Was muss man sich unter einer Indianer-Weihnacht á la Michl vorstellen?
„Ja, da sing´ ma auch einige schöne Weihnachtslieder gemeinsam am 25.Dezember im "Lusti", und natürlich viele neue Songs. Im "Schlachti" im Januar, da ist Weihnachten vorbei, da sing´ ma wieder was anderes und machen uns einen schönen Abend. Ich freu´ mich schon, dass wir zusammen sein können: Das geliebte Willy-Michl-Publikum & der Isarindian - Wir wollen was miteinander erleben, etwas das wir so schnell nicht vergessen. Von Herz zu Herz, Lieder und Geschichten, die uns etwas geben, mit denen wir das Leben besser und mit guter Kraft und Hoffnung gestalten können. Musik ist elementar wie Wasser, Feuer und Luft, sie ist das vierte Element, die fünfte Dimension.“
Bleibt denn noch Zeit, an der Isar zu sein oder sich am Fluss inspirieren zu lassen - oder woher kommen Energie und Inspiration bei Ihnen?
„Ja, es bleibt immer Zeit. Ich fahre jeden Tag einmal an den Fluss, und auch wenn ich nicht aussteige und nur vorbeifahre, dann sehe ich das Isarflimmern – und ich danke ihr, meiner großen Geliebten, der Isar, für das schöne Lied, das ich geschenkt bekam und das mich leben lässt. Und ich lausche ihrem Gesang. Denn es ist der Fluss, der uns das Leben gab. Und mir gab die Heilige Isar das Lied, und ich gab es den Menschen, und die Menschen geben mir, was wir hier brauchen, um zu existieren. Aber dieses Wort sag´n ma' jetz´ nicht, in einem so schönen Interview. Lieber das: „Vielen herzlichen Dank, für die Liebe, den Respekt und die Ehre an die Leser und das Publikum, und bis bald beim Konzert am 25.12.2013 im „Lusti“ und am 09.01.2014 im „Schlachti“!“
Das Gespräch führte Claudia Koestler.





