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Gemeinde Münsing, SOLAWI Isartal

Solidarische Landwirtschaft in Degerndorf: Gemüse für die Gemeinschaft

Von Andrea Weber

Münsing, 24.4.2026 - Es ist Frühling. Alles sprießt und gedeiht. Gärtner Daniel Kreissl ist bereits auf dem Feld und legt mit einem mehrzahnigen Rechen furchen an. Heute will er Jungpflanzen setzen. Auf einem großen Feld bei Degerndorf wächst Gemüse für rund 120 Genossenschaftsmitglieder des Projekts SoLaWi Isartal – Solidarische Landwirtschaft. Das Konzept beinhaltet, dass sich Verbraucher und Erzeuger die Verantwortung, das Risiko und die Ernte teilen.



Noch schützen weiße Vliese Spitzkraut, Fenchel und Mangold vor Frost und sorgen zugleich für einen Treibhauseffekt. „Für das Wachstum spielen viele Faktoren eine Rolle, wie Bodenbeschaffenheit und Schädlinge“, sagt Kreissl, der an diesem sonnigen Morgen auf dem Acker in Degerndorf bereits am Feld arbeitet. „Dauerregen kann reichen, damit kein Traktor mehr aufs Feld kommt“, weiß er. Für Betriebe mit ohnehin geringen Margen sei das existenziell. Genau hier setzt die Idee der solidarischen Landwirtschaft an. Die Mitglieder einer Genossenschaft finanzieren den Anbau vor und erhalten im Gegenzug regelmäßig eine Gemüsekiste. Der Betrieb wiederum weiß zu Saisonbeginn, wie viele Menschen er versorgt. „Die Risiken und die Verantwortung für Lebensmittelproduktion werden somit gemeinsam getragen“, erklärt der Gartenbau-Experte.

Von der Bürgerinitiative zum Gemüseacker

In Degerndorf, Gemeinde Münsing, entstand die Initiative zu diesem Projekt durch Mitglieder einer regionalen Energiewende-Initiative. Sie wollten ihr eigenes Gemüse anbauen und wandten sich an einen Gärtner in der Gärtnerei von Schloss Weidenkam am Starnberger See. Zunächst wurde ein Acker gepachtet, Maschinen geliehen und weitere Mitglieder angeworben. Im ersten Jahr kauften die Initiatoren noch vollständig Gemüse zu, während der eigene Anbau anlief. Heute, in der fünften Saison stammt rund 60 Prozent der Ernte vom eigenen Feld. Was noch gebraucht wird, wird von Weidenkam zugekauft. 

Über die letzten zehn Jahre sei die Idee der SoLaWi in Deutschland stark gewachsen, sagt der Gärtner. Ursprünglich stammt das Modell aus Nordamerika und verbreitete sich später auch in Europa.

Gemüse mit Planungssicherheit

Die Mitglieder erhalten wöchentlich eine Kiste mit durchschnittlich sechs verschiedenen Sorten Gemüse – je nach Saison. Der Beitrag liegt derzeit bei 88 Euro im Monat. Wer das Modell erst testen möchte, kann zunächst eine dreimonatige Probekiste bestellen. Es gibt auch sogenannte „Kistenfreundschaften“, das heißt es teilen sich Mitglieder eine Kiste, etwa bei Urlaubszeiten. Abgeholt werden die Kisten an verschiedenen Stationen rund um den Starnberger See und im südlichen Münchner Raum, etwa in Wolfratshausen, Pullach oder Grünwald. Geliefert wird immer mittwochs.

Landwirtschaft mit Blick auf den Boden

Das Projekt in Degerndorf ist bio-zertifiziert. Nicht nur die Ernte steht im Fokus, auch der eigene Aufbau von fruchtbarem Humus ist ein wichtiger Aspekt. Dafür setzt Gärtner Daniel Kreissl auf die sogenannte Gründüngung: Pflanzen wie Ackerbohnen, Roggen oder Wicke wachsen zunächst auf dem Feld, bevor sie zerkleinert und in den Boden eingearbeitet werden. „Sie nehmen Nährstoffe auf, binden sogar Stickstoff aus der Luft und geben ihn später wieder an den Boden zurück.“ So entsteht eine natürliche Fruchtbarkeit ohne die Zugabe von künstlichem Dünger. Rund um den Acker wurden zudem Hecken und Apfelbäume gepflanzt, um Lebensräume für Insekten zu schaffen. Ein langes Holzgestell steht mitten am Feld. Es ist ein Fluglandeplatz für Milane und Bussarde. Sie jagen die Feldmäuse. 


Mehr als nur Gemüse

Neben klassischen Sorten wie Kohlrabi, Salat oder Spinat finden sich auch ungewöhnlichere Pflanzen im Anbau, etwa italienischer Löwenzahnsalat. „Bitterstoffe fehlen heute oft auf unserem Speiseplan.“ Kurz angebraten mit Olivenöl werde daraus eine überraschend aromatische Beilage.
Auch Erdbeeren gibt es auf dem Feld – allerdings nicht für die Kisten. „Die dürfen unsere Mitglieder selbst pflücken.“ Wesentlich ist auch die Beteiligung der Mitglieder. Wer möchte kann beim Aussäen, pflanzen und ernten helfen. Familien kommen mit ihren Kindern zu Ackeraktionen oder Veranstaltungen, wie zum Beispiel Vogelbeobachtungen.  

Gemeinschaft statt globaler Abhängigkeit

Für die Initiatoren hat das Modell noch einen anderen Aspekt: Es geht um regionale Versorgungssicherheit. Angesichts globaler Krisen und fragiler Lieferketten sehen viele in lokalen Lebensmittelnetzwerken eine Art Zukunftsversicherung. „Wenn man sich aktiv um die eigene Lebensmittelproduktion kümmert, gibt das ein gutes Gefühl“, findet Daniel Kreissl. Im Ernstfall wisse man zumindest, wo das Essen herkommt.

Weitere Informationen unter www.solawi-isartal.de

 Fotos: Daniel Kreissl, Andrea Weber


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